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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1900-01-01 · Heft 9 · p. Seite 434

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
44 (1900)
Issue
Heft 9
Article
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
Date
1900-01-01
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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434 Die rituellen Reinlieitsgesetze in der Bibel und im Talmud. aber niclit die alleinige Ursache. Die Institution hat den Tempel um fast zwei Jahrhunderte überlebt, und die Vorbereitung ihrer Aufhebung hatte schon lange vor der Tempel- Zerstörung begonnen. Sie wurde namentlich durch die Tendenz der nachbiblischen Gesetzeslehrer, die Institution zu symbolisiren und sie jedweder utilitären Bedeutung zu entkleiden, angebahnt. Diese Symbolisation trug zwar anfangs zu ihrer Festigung bei, später aber wurde sie die Ursache ihrer allmählichen Atrophirung und ihres gänzlichen Verschwindens. Der Symbolisationsprocess utilitärer Gesetze und Gebräuche ist eine allgemein-kulturhistorische Erscheinung und hat seinen Grund in der Psychologie des Menschen. An einen religiösen Brauch, welcher ursprünglich einen sanitären Zweck hatte, setzen sich gewöhnlich im Laufe der Zeit in der Volkspraxis verschiedene, zufällige oder bewusste Nebenschichten an, welche ihrerseits ebenfalls als ein aus dem Alterthum überkommenes Vermächtniss durch die Zeit geweiht werden. Diese Ansätze verändern allmählich die Form des religiösen Brauches derartig, dass er nicht mehr seinem ursprünglichen utilitären Zwecke entspricht und letzterer in Folge dessen vollkommen in den Hintergrund tritt. Andererseits geschieht es, dass in Folge der progressiven Entwickelung der Gesellschaft der utilitäre Zweck wenn auch nicht unerwünscht, so doch übertlüssig wird, da er weit zweckmässiger durch andere Factoren des Volkslebens erreicht werden kann. War z. B. der Zweck ein hygienischer, so kann diesem durch eine von der weltlichen Macht errichtete Sanitätsaufsicht in vollkommenerer Weise Genüge geleistet werden. Was aber nun mit dem religiösen Gesetze beginnen? Es aufheben? Aber was seinen Ursprung von Gott herleitet, kann nicht durch menschliche Hände hinweggeräumt werden. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als neuen Wein in die alten Schläuche zu giessen oder, einfacher gesagt, für das alte Gesetz neue Motive ausfindig zu machen, und so kommt es, dass letzteres aus einem sanitären in ein symbolisches verwandelt wird. Indess nicht immer duldet der religiöse Brauch eine derartige Metamorphose. Der Widerspruch zwischen dem .alten Gesetze und den neuen Lebensformen ist zuweilen ein so schroffer, dass eine Collision unvermeidlich ist, und die gebieterischen Forderungen des Lebens erlangen oft dasüebergewicht über das Gefühl der Pietät für das Erbe der Väter.. Betrachten wir nun, welchen Verlauf diese Erscheinung in der Geschichte der weiteren Entwickelung der Mosaischen

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