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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1900-01-01 · Heft 8 · p. Seite 398

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
44 (1900)
Issue
Heft 8
Article
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
Date
1900-01-01
Page
Seite 398 (sequence 14)
Language
German
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398 Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. der politischen Selbständigkeit des jüdischen Volkes hat diese Sachlage begreiflicherweise auf gehört. Die Thora hat seitdem ihre Bedeutung als Beichsconstitution verloren und einen rein religiösen Character angenommen, und als Keligionsbuch besteht ihre Aufgabe darin zu belehren und zu trösten, nicht aber, zu strafen. Die Thora, fügen wir unsererseits hinzu, in ihrer Eigenschaft als Beichsconstitution, welche berufen war, sämmtliche Interessen des Volkslebens zu reguliren, konnte daher nicht umhin, auch der gesundheitlichen Wohlfart des Volkes ihre Sorgfalt zuzuwenden, was im modernen Staate in den Thätigkeitskreis der polizeilichen Gewalt hineingehört. Wer sollte denn sonst diese Sorge übernehmen, wenn, ausser der Macht der Thora, keine andere anerkannt wurde? Die biblische Institution der rituellen Fünheit war somit ihrer Grundidee nach eine sanrja cpo'.izeiv, ne Institution. Schliesst aber dieser Charakter der Institution das Vorhandensein anderer ihr zu Grunde liegender Motive, Motive, so zu sagen, höherer Ordnung, symbolischer, religiöser aus? Keineswegs. Das Beispiel der Symbolisirung utilitärer Gesetze finden wir in der Bibel seihst. Das Gebot der Sabbathruhe wird an einer Stelle durch ein socialhygienisches Motiv begründet: ,,auf dass ruhe dein Knecht und deine Magd wie du“ (Deuteron. V, 14), während an einer andern Stelle dasselbe Gebot symbolisirt nnd mit dem grossen Acte der Weltschöpfung in Zusammenhang gebracht wird (Exod. XX, 11). Dasselbe gilt hinsichtlich der Beschneidung. Wir haben schon oben auf die rationelle Grundlage dieses Gebrauches hingewiesen, während anderseits bereits in der Bibel ihm die Bedeutung eines symbolischen Actes beigelegt wird, als eines Bundeszeichens zwischen dem Israeliten und Gott. Die Vereinbarkeit zweier oder selbst mehrerer Motive hei ein und demselben Gesetze lässt sich durch folgendes Gle'chniss illustriren. Jemand ist ■im Besitze eines goldenen Pokals, den ein Freund und Wohlthäter seiner Familie einst seinem Grossahn zum Geschenke gemacht hat. Fragt man ihn, welche die eigentliche Bestimmung des Pokals sei, so wird die Antwort lauten: daraus Wein zu trinken. Aber durch dieses utilitäre Motiv ist die Bedeutung dieses Pokals, wenigstens persönlich für ihn, lange nicht erschöpft. Bietet man ihm an Stelle dieses seines alterthümlichen, etwas schwerfälligen Pokals einen anderen neuester Fajon und von bequemerer Form, so wird er natürlich

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