Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 397 (sequence 13)
- Language
- German
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Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 897 deutung nicht verloren hat, seiner Zeit erklärt. Eine ähnliche Satzung finden wir ebenfalls im Vendidad. Ist dieses ein zufälliges Zusammentreffen? Wir glauben nicht. Uns scheint es, dass wir im gegebenen Falle eine Entlehnung vor uns haben, welche die Perser von den Israeliten gemacht haben. In der Bibel ergiebt diese Bedingung, nämlich die Feuchtigkeit der zu infieinenden Gegenstände, sich als natürliche Folge aus dem allgemein sanitären Charakter dieser Gesetze, während sie im Avesta als etwas Zulälliges, Episodisches erscheint, das durchaus nicht aus dem Gesammtcharakter der dort enthaltenen Bein־־ heitsgesetze hervorgeht, obgleich letzterer ein derartiger ist, dass er jedwede Zufälligkeit und jedwede Ueberraschung in jenen Gesetzen als ganz natürlich erscheinen lässt1). Handelt es sich ja in denselben um unreine Geister, um eigenwillige und launenhafte Daevas, deren Handlungsweise keinen Gesetzen der menschlichen Logik unterworfen ist. Uns,beiunserermodernen Anschauung von der Rolle der Beligion, nach welcher letztere berufen ist, ausschliesslich für das geistige und ethische Wohl des Volkes zu sorgen, während die Sorge für die gesellschaftliche und gesundheitliche Wohlfahrt desselben der weltlichen Macht anheimgestellt wird, uns muss es etwas sonderbar erscheinen, dass die mosaische Religion den sanitätspolizeilichen Bedürfnissen soviel Aufmerksamkeit zuwendet. Es ist, als ob sie sich mit einem Gegenstände abgäbe, der durchaus nicht in ihr Gebiet hineingehört•. Aber die mosaische Gesetzgebung ist eben keine Religion im modernen Sinn dieses Wortes. Das hat zuerst Mendelssohn gelegentlich einer anderen, nicht weniger wichtigen Frage klargelegt. Die Thora, bemerkt er, ist kein Religionscodex im modernen Sinne, sie ist eher die Constitution eines eigen- und einzigartigen tlieokratischen Staates, an dessen Spitze Gott selbst steht, sowohl geistliche wie weltliche Macht in sich vereinigend. Bei solcher Sachlage ist jede böswillige Uebertretung einer religiösen Vorschrift gleichsam die Uebertretung eines königlichen Befehles, gleichsam eine Majestätsverletzung und unterliegt als Attentat auf die bestehende staatliche Ordnung der Strafe2). Mit dem Verluste *) Fargard VII. 83 und lf. Wenn trockene Getreidekörner mit dem Leichnam eines Menschen oder Hundes in Berührung kommen, so werden nur diejenigen unrein, welche unmittelbar berührt worden sind: sind die Körner aber feucht, so erstreckt die Unreinheit ־sich auf die ganze Masse. a) Mendelssohn’« sämmtliche Werke, Wien 1838. ״Jerusalem“ S. 284.