Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
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Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 395 in der Erde zu bestatten1); daher ferner das strenge Verbot, dass der Unreine sich nicht dem Feuer und Wasser mehr als auf dreissig Schritte nähere2); daher endlich das Verbot, vor Ablauf von neun Tagen Feuer in ein Haus zu bringen, in dem sich der Leichnam eines Menschen oder Hundes befunden hat3). Es ist nicht schwer, sich zu erklären, auf welche Weise die Perser, wenn sie den Begriff der Unreinheit des menschlichen Leichnams von irgendwoher entlehnt haben, diesen Begriff in Einklang mit ihren religiösen Anschauungen entwickelt haben; aber nicht leicht, ja sogar unmöglich ist es zu begreifen, auf welche Weise die Israeliten, wenn sie den Begriff der Unreinheit des menschlichen Leichnams den Persern ,entlehnt haben, ihn so sehr von allen specifisch persischen Attributen gesäubert haben. c) Der Rationalismus bildet,wie wir in den voranstehenden Capiteln zu zeigen gesucht haben, eine characteristische Eigenthümlichkeit der biblischen Institution der rituellen Reinheit. Sowohl die fundamentalen Bestimmungen wie auch fast alle ihre Einzelheiten können in gleicher Weise leicht vom sanitätspolizeilichen Standpunkte aus erklärt werden. Im Avesta haben alle diese Gesetze jeden sanitären Sinn verloren, obgleich es kaum zweifelhaft sein kann, dass sie im tiefen Alterthum in den Augen der Perser diesen Sinn hatten 4). Man begreift z. B. vom sanitären Standpunkte schwer, warum der Leichnam des Priesters eine grössere Infectionskraft besitzt als der des Kriegers und dieser letztere wiederum eine grössere als der des einfachen Landmannes5). Oder wie erklärt es sich, dass nur die Leiche des Hundes als Quelle der Unreinheit gilt6), während z. B. die Leiche der L) Vendidad, Fargard III, 126—185. Für die Uebertretung dieses Gebotes wird eine Strafe von 1000 Schlägen mit dem Pi'erdestachel und 1000 Schlägen mit dem Craoscha-charana festgesetzt. 2) Vendidad, Fargard III, 56—57; Fargard V, 145; Fargard VIII. 3) Fargard V, 132—135. Für die Uebertretung dieses Gebotes wird blos eine Strafe von 200 Schlägen festgesetzt. 4י) Einen Hinweis auf diese alte Anschauung finden wir in folgendem Ausspruch des Avesta: In diesen Dakhmas, welche auf dieser Erde aufgeworfen sind, wo man todte Männer darauf legt, dort sind die Daevas .Denn das ist die Freude der Daevas — alles, woran Gestank klebt. Denn in diesen Dakhmas ist zusammen Auflösung, Krankheit, Fieberhitze, Unreinigkeit, kaltes Fieber, Zittern und altes Haar. (Fargard VII, 138. 139. 143—145. Uebersetzung von Spiegel). 5) Fargard V, 83 u. ferner; Fargard VII, 8—15. e) Der Hund steht hier überall in einer Reihe mit dem Menschen.