Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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390 Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. Wahrscheinlichkeit, wenn die ־ Aelmlichkeit sich nicht mir in allgemeinen Zügen, sondern auch in Einzelheiten kund giebt, besonders noch wenn diese Einzelheiten nicht mit logischer Nothwendigkeit aus dem Gesammtcharakter der gegebenen Institution hei dieser oder jener Völkerschaft resultiren. Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn angesichts der frappanten Aehnliclikeit, welche die biblischen Gesetze der ritueilen Reinheit mit denen der Lehre des Avesta aufweisen, den Forschern sich die Frage aufdrängen musste: Von welcher Seite hat die Entlehnung stattgefunden? Haben die Israeliten diese Institution von den Persern übernommen, oder diese von jenen? Nach dem Vorgänge Rosenmüllers1) hat die erste Vermuthung hei den christlichen Gelehrten weit mehr Anhänger gefunden, als die zweite. Möglicherweise spielte in diesem Falle auch die arische Eigenliebe eine gewisse Rolle mit, welche bewusst oder unbewusst darnach strebte, die Ursprünglichkeit der Arier auf dem Gebiete der äusseren Ceremonieen zu wahren, und sich so gewissermaassen für das nothgedrungene Zugeständniss entschädigte, dass in der Sphäre der religiösen Ideen und ethischen Principien den Semiten die Priorität zukommt2). Aber auch unabhängig hiervon wurde diese Ansicht durch folgende Erwägungen gestützt. Zunächst sprach zu Gunsten dieser Ansicht die den Juden überhaupt eigene Fähigkeit, fremde Elemente aufzunehmen und sie sich zu assimiliren. Sodann liesse sich eher eine Entlehnung seitens der unterworfenen, als seitens der herrschenden Russe annehmen. Seihstverständlich fiel es hierbei Niemandem ein, die Aechtheit des Avesta in Zweifel zu ziehen, nämlich dass es in der Gestalt, in welcher es auf uns gelangt ist, wirklich das ursprüngliche Werk repräsentire, welches Zoroaster dem Könige Vishtäsp vorgelegt habe (c. 520 a. 011. 11.), und daher, nach Ansicht der Bibelkritiker, den entsprechenden Abschnitten der Bibel wohl als Original dienen konnte. Die biblische Institution der ritueilen Reinheit wäre somit nur eine mehr oder weniger gelungene Copie des persischen Originals, das die Juden in Babylonien, nach dessen Eroberung durch die Perser, kennen zu lernen die volle Möglichkeit hatten. Die Vertreter der entgegengesetzten Ansicht weisen auf die unzweifelhafte Thatsache hin, dass die rituelle Reinheit 0 Rosenmüller, Scholia in Pen taten chum I, p. 12. Vergl. auch Spiegel, Eran, S. 772; Schon:, ha-Chaluz YII, S. 10—12; J. Sack, Die altjüdische Religion, S. 148—160. 2) Graetz, Geschichte der Juden, II, S. 409, Note 14.