Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
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388 Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. Auf dieselbe Weise erklärt sich der Ursprung der Amulette ־und Talismane, d. 11. des Glaubens an die Macht des geschriebenen Wortes. Gelang es einem Urmenschen vermittelst eines Kiesels auf einem Baume oder einem Steine ein Zeichen hinzukritzeln, das allen denen, die es sahen, die Vorstellung von irgend einem Gegenstände oder irgend einer Handlung beibrachte, so versetzte dieses sicherlich nicht nur den Urheber des Zeichens, sondern auch alle Uebtigen in das grösste Entzücken, und diese um so mehr, da sie von der Absicht oder dem Wunsche des Autors des hingemalten Zeichens selbst in seiner Abwesenheit und in weiter Entfernung von ihm eine Vorstellung erlangen konnten. Der weitere Process der Um- Wandlung des schriitlichen Zeichens in das wunderthätige Amulett begreift sich von selbst. Hier eben zeigt der Rationalismus des mosaischen Gesetzes sich in seiner ganzen Grösse. Nirgends, weder in den mosaischen Büchern, noch in den übrigen alttestamentlichen Schriften finden wir die leiseste Spur von dem Glauben an die Macht des menschlichen Wortes. Ja, das stände auch im grellsten Widerspruche mit dem Principe des Monotheismus. Besitzt das Wort Macht über Gott, so ist Gott nicht mehr allmächtig, denn das Wort ist stärker als Er; besitzt das Wort Macht über die Natur, so ist Gott nicht mehr einzig, denn neben 111m steht das Wort. Den einzigen, allmächtigen Gott kann man nur bitten, man kann Ihm aber nicht befehlen. In der That finden wir in der Bibel herrliche Muster von seelenerhebenden Gebeten und Herzensergüssen, aber bei ihnen handelt es sich nicht um die Wirkung des Wortes als einer objectiven Erscheinung, sondern nur um (Lessen Inhalt. In der Bibel, freilich, blickt überall der Glaube an die Macht des Segens durch. Durch Segen und Fluch wird das Geschick der drei Söhne Noah’s und deren Nachkommen bestimmt. Wegen des väterliehen Segens, der Jacob zu Theü wurde, feindete Esau lange Zeit seinen Bruder an. Joseph giebt sich alle Mühe, dass seinem ältesten Sohne, Manasse, der bessere Segen von Jacob ertheilt werde. Es. wird als eine besondere göttliche Gnade anerkannt, dass Bileam die Israeliten segnete, anstatt ihnen zu fluchen n. s. w. Endlich schreibt das mosaische Gesetz den Priestern sogar einen besonderen Segenssprueh für das Volk vor1). Sieht man sich aber die in der Bibel erwähnten 1) Genes. IX, 25—27; XXVII, 1—41; XLVIII, 13ff.: Dcuteronom. XXIII,G; Numeri VI, 22—26.