Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
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Die rituellen Eeinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 887 nicht nur in der Seele dessen, der die Laute hervorgebracht, sondern auch in der Seele seiner Zuhörer das grösste Entzücken hervorrufen. Drückte dieser Lautcomplex eine Bitte aus, so wurde ihm diese sicherlich mit Freuden gewährt, enthielt er den Ruf zu irgend einer gemeinschaftlichen That, so folgten ihm gewiss alle mit der grössten Bereitwilligkeit. Es darf überhaupt angenommen werden, dass der erste Stammesherrscher nicht derjenige war, welcher geschickter als die übrigen Stammesgenossen mit Stein und Keule umzugehen verstand, sondern derjenige, welcher besser als die anderen allgemeinverständliche articulirte Laute hervorzubringen vermochte, Commandeur wurde derjenige, welcher das Commando zu ertheilen verstand. Dank der psychischen Eigentümlichkeit des Urmenschen, seine subjectiven Empfindungen zu objectiviren, schreibt er seine freiwillige Unterwerfung unter das Wort der unwiderstehliehen Macht des Wortes selbst zu. Und da nun die Götter des Urmenschen nichts anderes als die Seelen seiner dahingeschiedenen ihnen und somit ihm durchaus verwandte Wesen waren, so konnte er sich nicht vorsteilen, dass das Wort nicht auch auf sie seine machtvolle Wirkung aus üben sollte. Auch das Gehör mag beim Urmenschen nicht allzusehr entwickelt gewesen sein, und da der Vorrat!! von Laoten überhaupt kein besonders reicher war, so war es wohl nothwendig, das Commando oder den Aufruf zur That mehrere Male zu wiederholen, damit der Zuhörer die aufeinanderfolgenden Lautcomplexe gehörig unterscheide und erfasse. In gleicher Weise verfuhr der Urmensch, wenn er sich an die Seelen seiner dahingeschiedenen Ahnen wandte, und dasselbe that er, wenn er, bei weiterer Entwickelung seiner Religion, andere Gottheiten anrief. Auf die eben dargelegte Weise erklärt sich, unserer Ansicht nach, der Ursprung der Gebets- und Beschwörungsformeln, welche sich in so reichlicher Fülle in allen Religionen des Alterthums, namentlich in der Zoroaster’s finden und von denen sich Beispiele bis auf unsere Zeit in der Praxis verschiedener Zauberer und Wunderthäter erhalten haben. Es sind dies meistentheils kurze, zusammenhanglose Phrasen, aus etymologisch nicht immer erklärbaren Worten zusammengesetzt, deren magische Wirkung nur dann erreicht werden kann, wenn sie drei, zehn, ja seihst hundert Mal wiederholt und ״klar und deutlich״ hergesagt werden, wie solches in den Büchern des Avesta unaufhörlich anempfohlen wird. 25