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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1900-01-01 · Heft 8 · p. Seite 386

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
44 (1900)
Issue
Heft 8
Article
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
Date
1900-01-01
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 Die rituellen Eeinlieitsgesetze in der Bibel und im Talmud, Götter, welche in der Vorstellung der Alten die Stelle der Natur vertraten. Den Ursprung dieses Glaubens an die Macht des menschliehen Wortes glauben wir uns auf folgende Weise erklären zu dürfen. Es kann als Axiom betrachtet werden, dass, je niedriger der Culturzustand einer Gesellschaft ist, desto höher das menschliehe Wort geschätzt wird. Und umgekehrt, je höher sich eine Gesellschaft auf der Culturleiter emporschwingt, desto mehr wird das Wort entwerthet und büsst seinen Nimbus ein. Die Menschen der graueu Vorzeit waren lange nicht so redselig wie wir, Kinder der modernen Zeit. Dank einer uns eigenen technischen Fertigkeit macht uns das Wort, ja selbst die wohlgeformte Kede keine besonderen Schwierigkeiten, und daher kommt es, dass bei uns gar oft das Wort den Gedanken überwiegt. Bei den Alten überwog umgekehrt der Gedanke das Wort. Das Kind emplängt Vorstellungen von den es umgebenden Gegenständen früher, als es im Stande ist, sie mit Namen zu bezeichnen. Das hat darin seinen Grund, dass die Nervencentren in der Hirnrinde, von denen die Denklähigkeit des Menscheu abhängt, sich früher entwickeln als das Sprachcentrum, welches in der linken Hirn-Hemisphäre neben der sogenannten Sylvi’schen Grube (fossa Sylvii) liegt. Denselben Verlauf hat wahrscheinlich auch die geistige Entwickelung des ganzen Menschengeschlechts genommen. Der Gedanke ging dem Worte voraus, die Denkfähigkeit entwickelte sich früher als die Fähigkeit, dem Gedachten durch Laute Ausdruck zu verleihen. Daher kam es, dass die Weissheit der Alten sich in Form von kurzen und kunstlosen Aphorismen und Sprüchen ausprägte, welche uns noch jetzt durch ihre Lakonicität entzücken. Aber diese Lakonicität war keine frei gewählte, sondern vielmehr eine durch Zwang auferlegte und ist uns, dank unserer leidigen Gewohnheit, viele Worte zu machen, ganz abhanden gekommen und vollständig unmöglich geworden. Noch schwerer kam dem Urmenschen das Wort an, als das Sprachcentrum in der Sylvi’schen Grube sich eben zu entwickeln begann. (Im Gehirn des Affen ist bekanntlich dieses Centrum nicht vorhanden, und die Hirnwindungen haben hei letzterem an dieser Stelle eine andere Form als heim Menschen). Gelang es nun zulällig einem der Wilden, dank einer vielleicht früheren Entwickelung des Sprachcentrums, einen glücklichen Complex von Lauten hervorzustossen, welche in dem Geiste seiner Zuhörer die klare Vorstellung von irgend einem Gegenstände erzeugte, so musste dieses, wie man annehmen darf,

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