Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die philosophischen und ethischen Anschauungen in Abraham bar Chijja's Hegjon ha-Nefesch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 24)
- Language
- German
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216 Die philos. u. ethischen Anschauungen des Abr. b. Chijja. Israel maassgebend in der Zeit der Wüstenwanderung, auf der es, durch Gottes Gnade beschützt, der Schutzwehr gegen äussere Mächte entrathen konnte. Desgleichen ist diese Gesetzgebung ausreichend für die Zeit des Exils, in der Israel sich gleichfalls der äusseren Angriffe nicht durch seine eigene Kraft erwehren kann, sondern auf clen Beistand der göttlichen Liebe sich verlassen muss 1). Die dritte Gruppe von Gesetzen, die Gesetzgebung des Deuteronomiums, ist für das ״Reich der Gerechtigkeit“ bestimmt. In ihrem Hauptinhalt mit der zweiten übereinstimmend, fügt sie zu dieser nur die Gesetze hinzu, deren ein Volk zur Abwehr äusserer Angriffe bedarf, wie z. B. die auf die Heeresverfassuug bezüglichen Gesetze, und diejenigen, die, wie die Rechts- und Strafgesetze, dazu dienen sollen, die aus dem Betrieb des Ackerbaues und ■der anderen bürgerlichen Berufsarten entstehenden Streitigkeiten zu schlichten2). Während aber die meisten auf den Gottesdienst bezüglichen Gebote im Deuteronomium unberücksichtigt bleiben, w^eil in Betreff* ihrer zwischen der ״heiligen Gemeinde“ und dem ״Reich der Gerechtigkeit“ völlige Uebereinstimmung herrscht, werden einzelne in beiden Gesetzgebungen erwähnt, und zwar in jeder in einer der Besonderheit dieser Art von Gottesverehrern angepassten Fassung. Selbst der Dekalog wird im Deuteronomium wiederholt, und hierbei im vierten Gebot auch das Ruhen der Hausthiere geboten und im zehnten das Verbot des Gelilstens auch auf das Feld des Nächsten ausgedehnt, was im Exodus nicht geschieht, weil die heilige Gemeinde keinen Ackerbau betrieb. In der Zeit der messianischen Erlösung wird der böse Trieb aus der Welt geschwunden sein; an Stelle des Herzens von Stein ward Gott den Menschen ein Herz von Fleisch geben, d. h. er wird sie mit der Fähigkeit ausstatten, ihr Leben ohne weitere Anleitung durch ihre eigene Kraft in würdiger und zweckentsprechender Weise zu gestalten. In Folge dieser Um- Wandlung, die sich in ihr vollziehen wird, werden der Menschheit die Sünden aller vorangegangenen Geschlechter, von Adam her, von Gott verziehen werden. Geeint im Glauben an Gott, in der Treue gegen sein Gebot und in der Ausübung der ג) Das babylonische Exil und die Zeit des zweiten Tempels, die er als eine Verlängerung des ersten Exils betrachtet, dauern nach A. b. Oh. (8. 39 b—40 a.) zusammen 490 Jahre. Vgl. Abraham ihn Daud’s Sefer ha׳-Kabala (in hTeubauer’s Mediaeval Jewish Chronicles) 8. 50. 2) Auch Bachja lehrt (Hzpfl. IX, 9), dass das höhere Maass der Askese ein geringeres Maass von gesetzlichen Vorschriften erforderlich mache. Vgl. Rosin a. a. 0. S. 16.