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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1900-01-01 · Heft 5 · p. Seite 210

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
44 (1900)
Issue
Heft 5
Article
Die philosophischen und ethischen Anschauungen in Abraham bar Chijja's Hegjon ha-Nefesch
Date
1900-01-01
Page
Seite 210 (sequence 18)
Language
German
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210 Die philos. u. ethischen Anschauungen des Abr. b. Chijja. Mensch sich der göttlichen Barmherzigkeit theilhaftig machen 1). Wie Gott einem, jeden der Wesen die Kräfte verliehen hat, deren es anf seiner Daseinsstufe und zur Erfüllung seines Daseinszweckes bedarf, so hat er auch den Menschen mit den Kräften ausgestattet, die ihn befähigen, seinem Daseinszweck und seiner Bestimmung nachzukommen. Während aber bei den anderen Wesen eine unangemessene Verwendung ihrer Kräfte nur ihnen selber zum Schaden gereicht, begeht der Mensch dadurch eine Versündigung auch an den anderen Geschöpfen, denn sein Herrscherberuf legt ihm die Pflicht auf, die anderen Wesen zu leiten und zur Förderung ihrer Wohlfahrt beizutragen. Darum wird auch der Mensch allein wegen seines Verhaltens zur Rechenschaft gezogen. Wie er in seiner Würde erhöht wird, wenn er seiner Bestimmung genügt hat, so geht er seiner Würde verlustig, wenn er gegen seine Be- Stimmung gefehlt hat 2). Die Frommen, die ihre! menschlichen Bestimmung genügen, lassen sich aber in zwei Klassen eintheilen. Die Einen sind diejenigen, bei denen sich die animalische Seele der Vernunftseele völlig gebeugt und untergeordnet hat3), die gar kein Verlangen nach den Dingen dieser Welt tragen, sondern ihre Gedanken ausschliesslich auf die künftige Welt gerichtet halten. Die Anderen sind diejenigen, die wohl ein Verlangen nach den Genüssen dieser Welt haben, sich aber der Einsicht der Vernunftseele beugen und um der Ehre Gottes willen dieses Verlangen bezwingen und auf alle unerlaubten Genüsse verzichten. Es ist nun die Frage erörtert worden, welcher dieser beiden Klassen ein grösseres Verdienst zuzuerkennen sei. Nach der Ansicht der meisten Weisen ist das Verdienst desjenigen grösser, der zwar das Verlangen nach den Genüssen dieser Welt empfindet, es aber zu überwinden und zu unterdrücken versteht, weil er durch seine 1) S. 8a. 2) S. 8b—9 a. 3) An feiner etwas späteren Stelle (S. 11a) handelt A. b. Ch. von den drei Seelenkräften des Menscheu, die von Anderen, womit Plato (Timaeus 69 D. 90 A. Vgl. Guttmann, Die Religionsphilosophie des Abraham ihn Dand, S. 94. Albo Jkkarim 11,8) gemeint ist, auch als drei Seelen bezeichnet werden. Die eine ist die Kraft des Wachsthums, wie die Pflanzenseele, die zweite ist die Kraft der Bewegung und der Orts- Veränderung, wie die Thierseele. Zu diesen beiden Kräften kommt beim Menschen als dritte die ihn vom Thiere unterscheidende Kraft hinzu, vermöge deren er das Gute vom Bösen, das Wahre vorn Falschen, das Ding von seinem Gegentheil unterscheidet, und durch die er sich Einsicht, und Erkenntniss erwirbt.

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