Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die englische Intervention zu Gunsten der böhmischen Juden im Jahre 1744
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
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■Sj82 Die englische Intervention z. Gunsten d. böhmischen Juden i. J. 1744. diese Verdächtigungen grundlos waren, beweist die Thatsache, dass im ganzen drei Juden in Prag auf christliche Zeugnisse hin der Unterstützung des Feindes bezichtigt wurden, keiner von ihnen aber überführt werden konnte1); nichtsdestoweniger ist es zweifellos, dass diese Beschuldigungen wenigstens die unmittelbare Veranlassung für die Vertreibung waren. Die Kaiserin selbst schrieb zu Beginn des Jahres 1747: ״Die juden verdienen wenig umb mich, in diesen unglückseligen Zeiten haben sie es genug bezeugt“ 2). Wodurch die Juden diese Verdächtigungen erregt haben, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Wahrscheinlich haben mehrere Umstände dazu beigeiragen. Schon die Thatsache, dass sowohl Franzosen wie auch Preussen nach der Eroberung Prags ihren Sieg nicht durch Vergiessen jüdischen Blutes feierten, kam dem einheimischen Pöbel, der jede sich ihm darbietende Gelegenheit zu Exeessen gegen die Juden nicht unbenutzt vorübergellen liess, sonderbar vor. Dass der Feind sich seine Milde reichlich lohnen liess3) und zuweilen auch Gewaltthätigkeiten gegen die Juden verübte4), konnte bei den durch Judenhass verblendeten Massen nicht als genügende Entschuldigung gelten. Dazu kam ein reger, wenn auch erzwungener Handelsverkehr mit dem Feinde, der den Juden vorgeworfen werden konnte5). Ausserdem befanden sich für gewöhnlich im Gefolge der feindlichen Heere jüdische Lieferanten und Finanzagenten6). Es war einerseits natürlich, dass sie mit den einheimischen Juden freundschaftlichen Verkehr unterhielten; aber ebenso natürlich war es, dass die christliche Einwohnerschaft sie als Feinde betrachtete und in ihnen Spione sah, die einen geheimen Verkehr zwischen dem Feinde und den einheimischen Juden vermittelten. Wahrscheinlich ist auch, dass sie vielfach für Einheimische gehalten wurden, so dass ihr intimer Verkehr mit dem Feinde auffallen musste7). Es mögen sich schliesslich noch manche andere Zufälligkeiten ereignet haben, die den ף Ygl. Kaufmann a. a. 0. 283. 2) S. Wolf a. a. 0. p. 192־. 3) S. Jgg. Machl. p 5. 4) Ibid. p. 6, 26 ff. Als die Lebensmittel in Prag knapp zu werden begannen, wollte Marscball de Broglie 6000 Juden zwingen die Stadt zu verlassen (ibid. p. 9); dies beweist zur Genüge, dass zwischen Juden und Franzosen keinerlei geheimes Einvernehmen bestand. 5) Ygl. Podiebrad-Foges a. a. 0. p. 83. 6) S. Jgg. Machl. p. 16. 7) S. oben S. 5, Anm. 3.