Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Adlergesicht im vierten Esrabuche
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
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Das Adlergesicht im 'vierten Esrabuchc. 111 ertheilen, imd wenn wir an nehmen, dass unser Ueb erarbeite!: in den ersten Tagen des frommen Antoninus lebte, so ist es nicht sehr verwunderlich, dass auch letzterer die nämliche Bezeichnung erhielt, selbst wenn unser Autor schon die judenfreundlichen Edicte des neuen Kaisers kannte. Judenfreundlicher hatte sich seit Menschenaltern kein Kaiser angelassen ais Hadrian in seinen ersten Regierungsjahren, und doch hatten unter ihm die Juden die schwersten Tage durchlebt. Kein Wunder, wenn man auch der Freundlichkeit des Antoninus nicht traute. Die beiden Gegenschwingen der Endzeit aber sind Marcus Aurelius und L. Commodus Yerus, die Antoninus auf Hadrians Wunsch adoptieren musste. Der Streit der Feldherren, die Eifersucht mehrerer zur Herrschaft gleich Berechtigten hatte dem Römerreich schon mehr als einmal Ströme von Blut gekostet. Nun waren durch Hadrians Schuld zwei Prätendenten da, und es waren wohl kaum die Juden allein, welche bange fragten: Wie will das enden? Zwei gemeinsame Regenten friedlich nebeneinander hatte das Römerreich bis dahin noch nicht gesehen, und hätte sich Lucius Yerus um etwas mehr bekümmert• als um die Befriedigung seiner ausschweifenden Neigungen, es wäre wohl auch ohne Parteikämpfe nicht abgegangen. Ohne Berechtigung war es mithin nicht, wenn unser Ueberarbeiter nach dem Tode des Antoninus Pius zwei Gegenschwingen sich erheben sah, und wenn er meinte, dass unausbleibliche Kämpfe der beiden Gleichberechtigten das Kommen des Messias vorbereiten würden. Ursern Üeberarbeite!• haben wir in die Zeit des Antoninus Pius zu setzen und zwar wahrscheinlich in das erste Jahrzehnt derselben kurz nach 140; denn noch war des Kaisers Milde und Menschenfreundlichkeit nicht über alle Zweifel erhaben. Noch konnte er glauben, dass er, ähnlich seinem Vorgänger, sich schliesslich doch als Judenfeind entpuppe. Kurz zusammengefasst würde unsere Meinung dann folgende sein: Das vierte Buch Esra entstand in den Tagen Nerva’s, als man im Judenviertel zu Rom den Sturz des flavisehen Geschlechtes als ein Vorzeichen, das Ende des Reiches ankündigend, ansah. Das Adlergesicht war schon damals vorlianden, der Adler aber hatte 9 Schwingen, acht Gegen- Schwüngen und drei Häupter. Die Schwingen bedeuten die Regenten Julius Cäsar, Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius; die Gegenschwingen beet eilten ihre Gegner Pompejus, Marcus Antonius, Germanicus, Tiberius