Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Adlergesicht im vierten Esrabuche
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829741-2829745-2882537--29846-2882563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Adlergesicht im vierten Esrabuche. 107 Form. Die Sache erklärt sich jedoch einigerraaassen ungezwungen daraus, dass nach Neiwa’s Tode das Ende nicht kam. Trajan wurde anerkannt und brachte das Römerreich erst auf seine Machthöhe, und wenn Hadrian es auf derselben auch nicht halten konnte, so hatten unter den beiden Kaisern die Juden doch wenig Gelegenheit, von mnssianisehen Zeiten zu träumen, namentlich nachdem Bar-Kocliba sich als ialscher Messias erwiesen hatte. Dem Esra schienen die Zeichen der Zeit ebenso wenig richtig gedeutet, wie seiner Zeit Daniel. Aber wenn es wahr ist, dass in Israel gerade dann die messianische Erwartung am glühendsten zum Ausdruck kam, wenn das Volk als solches am Rande des Grabes stand, so musste sie nach beendetem Bar-Kochba-Kriege mit elementarer Gewalt zum Durchbruch kommen. Wollte Gott seine Yerheissungen wahr machen, so war jetzt und nur jetzt die Zeit dazu. So kam das noch nicht vergessene, weil noch nicht alte Buch der 'Weissagung, dem Esra in den Mund gebracht, aufs Neue zu Ansehen. Im grossen und ganzen konnte es bleiben, wie es war, nur des Räthsels Lösung, das Adlergesicht, bedurfte der nachbessernden Hand, um es den Wissenden verständlich zu machen. Dass eine solche nachbessernde Hand thätig gewesen, ist, scheint aus dem Text her vor zu gehen, der namentlich im Gesicht selber ziemlich verworren ist. So schreibt keiner, der seinen Lesern zwar nicht mit nackten Worten aber doch durchsichtig und verständlich zeigen will, wann Ar den Anbruch einer neuen Weltzeit erwartet. So haben weder Daniel noch Renoch, so hat weder der Apokalyptiker Johannes noch die Sibylle in ihren zusammenhängenden Stücken geweissagt. So kann nur geschrieben werden, wenn man überhaupt in allgemeinerer Weise von der kommenden Heilszeit redet, und das thut Esra gerade im Adlergesicht gar nicht, er hat genau gezählt und gerechnet, oder wenn ein Schreiber einen vorhandenen Text umändert, den er nicht streichen und durch einen andern ersetzen mag, dessen Unzulänglichkeit er aber einsieht. Vielleicht ist das erheblich verworrenere Gesicht noch durch mehr Hände gegangen, < der hei den verschiedenen LT eh er Setzungen und Ab- Schriften hat einer aus Unwissenheit oder besonderer Klugheit etwas verschlimmbessert. Dass überhaupt der Text des ganzen Buches in einer ziemlich schlimmen Verfassung ist, ist zur Genüge bekannt. Wie das Gesicht uns heute vorliegt, ist der Adler mit zwölf Flügeln, acht Gegenschwingen und drei Häuptern ausgerüstet. Zwölf Flügel und zwei Gegenschwingen sind zuerst