Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Adlergesicht im vierten Esrabuche
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 Das Adlergesicht im vierten Esrabuche. wenn er weiss, dass Angustus über doppelt so lange regieren wird als einer seiner Nachfolger, so muss er doch über die Regenten bis auf seine Zeit ziemlich genaue Kunde haben; wenn er weiss, wie lange jeder regiert hat, so muss er ihre Namen wissen und damit auch die Zahl der Regenten. Volkmar zählt Flügel und Gegenschwingen paarweise und kommt bei dieser Zählung auf sechs Kaiser, die sechs Julier, vier Gegenkaiser, Galba, Otho, Vitellins und Nerva und drei Häupter, die drei Flavier. Man würde zugeben müssen, dass er das Räthsel gerathen hätte, wenn nicht der Text eine der־־ artige Lösung ausschlösse. Dass gesagt wird, die zwölf Flügel bedeuteten zwölf Könige, einer nach dem andern(12,14), sagt noch am wenigsten, denn unwissende Abschreiber haben grössere Unordnungen auf dem Gewissen, als die wäre, wenn sie die ursprüngliche Lesart: die zwölf Flügel sind sechs Könige! in: die zwölf Flügel sind zwölf Könige! ׳ verwandelt hätten, wenn־ gleich es sonderbar wäre, dass clieseVerschlimmbesserung alleinige Geltung erhalten hätte. Aber im Adlergesicht selber ist es doch zu deutlich ausgesprochen, dass jeder Flügel für sich zu betrachten ist, und damit fällt Volkmars Hypothese. Ein gut Stück weiter würden wir vorwärts kommen, wenn wir genau wüssten, wie sich der Prophet den Adler vorgestellt hat. Aber der Maler kommt in Conflict nicht nur mit seinem Schönheitsgefühl, sondern zumeist auch mit der Darstellungsmöglichkeit, wenn er Gebilde hebräischer Phantasie zeichnen soll. Schön sind sie selten oder nie. Es sind zumeist unmögliche Gestalten, aber sie sind richtig, denn sie stellen dar, was sie darstellen sollen. Die hebräische Phantasie, wie sie in den Apokalypsen zürn Ausdruck kommt, scheut sich nicht vor den greulichsten Ungethümen, aber sie rechnet dabei. Das ist vor der Hand weder zu erklären noch zu bedauern, es muss anerkannt werden. Wie unser Apokalyptiker sich die Flügel und Gegenschwingen angeordnet denkt, lässt sich aus der Be- Schreibung des Adlergesichtes nicht deutlich erkennen. Aber nach Cap. 11, V. 1*2 ist deutlich zu erkennen, dass die erste Feder, die zur Herrschaft gelangt, sich von der rechten Seite erhebt, und aus V. 20 -desselben Kapitels scheint wenigstens hervorzugehen, dass die zwölf Flügel, welche die Herrschaft führen und zwölf Könige vorstellen, sich alle von der rechten Seite erheben. Ein Adler aber mit zwölf Flügeln, welche alle an derselben Körperseite hervorwachsen, dürfte doch auch der hebräischen rechnenden Phantasie zu arg sein. Wie aber, wenn der Prophet sich die Sache so vorstellt, als seien die Gegen־