Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Adlergesicht im vierten Esrabuche
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Adlcrgcsicht iin vierten Esrabuclie. 99 lieit und Prophetenlosigkeit entgegen. Wer das Buch Daniel und eine Reihe von Psalmen in diese Periode hineinlegt, kennt genau die Klagelaute aus dieser Zeit, wer aber diese Bücher früher entstanden sein lasst, kennt die Klagen aus den poetischen Eeminiscenzen, mit denen der Verfasser des ersten Makkabäerbuclies seine Darstellung schmückt. Ebenso wird allseitig eingeräumt, dass Daniels Weissagungen sich auf diese Zeit beziehen, auch von denen, die im verrückten Antiochus nur des Antichrists Prototyp sehen. Nun linden wir aber nicht, dass die damaligen Juden ihre Lage mit der der nach Babel Exiiirten verglichen. Es fehlte auch ein Doppeltes, um diesen Vergleich zu rechtfertigen: die Wegführung aus dem Lande und die Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Das war ja das Leid damaliger Tage, dass der Tempel stand, aber nicht von den Juden benutzt werden konnte. Weiter aber ist das vierte Thier der Danielapokalypse das Seleucidenreich als Nachfolger des alexandrinisehen, während unser Esra deutlich genug sagt, das vierte Thier, es ist nach ihm der Adler, sei dem Daniel nicht richtig gedeutet worden. Dem neuen Esra scheint also die Noth unter Antiochus klein gewesen zu sein, gegenüber der Notli, die er selber erlebt hat, er muss ein anderes Weltreich kennen, das noch mehr Frevel gegen Gott und seine Heiligen ausübt. Und dieses dem macedonisch-seleucidischen folgende Weltreich kann nur das römische sein. Gehört also, was überdies von den meisten angenommen wird und deswegen von unserer Seite keiner langen Begründung bedarf, das vierte Esrabuch in die Römerzeit, so kommen im Grunde nur die Zeit nach der Zerstörung des Tempels und der heiligen Stadt durch Titus und die Zeit nach Beendigung des Bar-Kochba-Krieges in Betracht. Keine andere Zeit würde eine solche leidenschaftliche Klage um die Verwüstung des Heiligthums.und die Exilirung des Volkes vollkommen rechtfertigen. Jede anderweitige Platzanweisung wird mehr oder minder den Schein des Unnatürlichen und Gemachten erwecken. Aber des Buches Stimmung würde etwa für beide Zeiten gleich gut passen. Denken wir bei der Klage über Verwüstung der Stadt und des Heiligthumes in erster Linie an Titus, so kommen wir bei' der Erwähnung des Volkes im Exil wieder auf Hadrian, der die Sache ähnlich machte, wie einst Nebukadnezar. Und andererseits führte doch auch Titus Juden genug ins Exil, und einzelne Stellen des Talmud machen es mehr als wahrscheinlich, dass Hadrian den Juden den Wiederaufbau des Tempels versprach. So wäre denn der Gründer der Aeiia capitolina eigentlich erst