Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Adlergesicht im vierten Esrabuche
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Das Adlergesicht im vierten Esrabuche. nahm. Der Verfasser des vierten Esrabuckes entnahm seine Lehrhegriffe der nämlichen Quelle, der auch Paulus sie entnommen hatte. Wir haben zwei verwandte Geister vor uns, aber der eine blieb der Synagoge treu, ־während der andere den Weg in die Kirche fand. . Eigentlich sind wir mit den letzten Bemerkungen schon etwas über das Ziel hinausgekommen, denn wir habe}! den Verfasser unseres Buches mit dem Apostel Paulus in eine geistige Verwandtschaft gebracht und damit indirect behauptet, dass er auch in dessen zeitlicher Nähe seinen Platz hat. Das aber soll doch erst bewiesen werden. Betrachten wir zunächst einmal die Situation, aus der heraus das Buch geschrieben ist. Jerusalern ist verwüstet, Babylon triumphirt, die Verwüstung hat auch den Tempel ergriffen, Israel ist in alle Länder zerstreut, der Fromme weiss sich das nicht zu deuten und richtet halb vorwurfsvolle, halb demüthige Fragen an Gott: Warum müssen wir solches leiden? Ist dieses Leiden endlos oder, wenn nicht, wie lange wird es dauern? Nur viermal im Laufe seiner Geschichte kam Israel in eine Lage, aus der heraus ein Buch wie das vorliegende entstehen konnte: bei der Deportirung nach Babel, unter Antiochus Epiplianes, bei der Zerstörung Jerusalems durch Titus und nach Beendigung des Bar-Kochba- Krieges unter Hadrian. Brachten es auch je und je die Nachbar- Völker und die Grossmächte der Erde ins Gedränge und gestaltete sich der politische Druck in Israel auch leicht zu einem religiösen, zu einem solchen Tone war keine Veranlassung. Kein unbefangener Leser wird z. B. den Eindruck bekommen, dass das Buch die Stimmung des Volkes in der Herodeszeit wieder spiegelt. Nun Messe es doch wohl Eulen nach Athen tragen, wollten wir einen ausführlichen Beweis darüber beibringen, dass das Buch in der Chaldäerperiode keine Stätte hat. So sichtbar der Verfasser auch Esra’s Maske vorbindet und so oft er von Baby׳- 1011 redet, Esra gehört nicht in die Chaldäerperiode und hat den Tempel in Trümmern nicht mehr gekannt. Seine "Wirksamkeit liegt auch auf einem anderen Gebiete, als auf dem, die Juden über Tempelbrand und Exil zu beruhigen, und von Zeit zu Zeit lüftet auch der Verfasser unseres Buches seine Maske soweit, dass man deutlich sieht, dass er von einer ganz anderen Zeit redet. Aus der Zeit des Antiochus Epiplianes tönen uns nun freilich auch Klagen über Verwüstung des Tempels; Gottverlassen-