Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 448 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Problem der jüdischen Sittcnlehrc. 44S logischen Ableitung des Inhalts entbehrt . . Erstaunlich aber bleibt es immer, dass dem Maiinonides der weltweite Abstand aristotelischer Sittenlehre von der des jüdischen Geistes entgangen ist, so sehr entgangen, dass er beide miteinander vermischt hat. So konnte es geschehen, dass er gleichsam in einem Athem von den aristotelischen Tugenden der Mittelstrasse und zugleich von dem göttlichen Vorbilde wahrhafter, eigentlicher, wirklicher Ethik . . geredet hat*. Wir brauchen Maimonides gegen einen Ethiker von dieser Gelehrsamkeit nicht zu vertheidigen; am wenigsten in dieser Zeitschrift, in welcher echte Gelehrte ihre Forschungen über die Geschichte unsrer Religionsphilosophie niedergelegt haben. Nur ein Wort des Beleges zur Erklärung unserer Entrüstung über diese im Judenthum beispiellose Verletzung der Pietät gegenüber einem unserer wahrhaft grössten Lehrer. Maimonides verstand nicht nur, dass die Tugendlehr(‘ des Aristoteles tiefe Weisheit enthält, wenngleich freilich nicht absolute Wahrheit: er wusste vor allem, wie wir schon gesellen haben, dass sie nicht den Schwerpunkt seiner Ethik bildet, der vielmehr in dem Princip der Eudämonic liegt. Dieses Princip der Eudümonie aber lehnt Maimonides mit grösster Entschiedenheit und in genau bestimmter Begründung ab. Wer einmal den III. Theil des More gelesen hat, weiss das. Er setzt allerdings nicht den Ergänzungsbegriff zu den sieben noacliidischen Geboten, den der Verfasser präsentirt, an die Stelle des bekämpften Princips; sondern die Gerechtigkeit, als das Princip der sittlichen Selbstvervollkommnung. Die angebliche Abhängigkeit des Maimonides von Aristoteles ist vielmehr der weltgeschichtliche Zug des Maimonides; die Freiheit von jeder Spur jener krankhaften, verirrten Illusion, als ob der Gesammtgeist des Judentlmms in feiger, träger und undankbarer Absperrung von allen tiefen Geistern der Weltkultur sieh behaupten und fruchtbar sich fortbilden könnte. Durch die innerlichste Hingabe an die fremde Gedankenwelt ist die eigene Urkraft gemehrt, und zu neuen Leistlingen und neuen Richtungen beschwingt worden. Wenn man mit einem Worte den Unwerth dieses Buches kennzeichn nen soll, so wäre es das Wort Maimonides. Das Verhältnis zu ihm muss über das Buch aufklären. Die Kraft unserer Religion beruht auf ihren Ideen. Den ewigen Werth dieser Ideen für die Weltkultur gilt es stets von neuem zu ergründen; stets von neuem zu beleuchten. Wenn