Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
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444 Das Problem der jüdischen Sittenlehre. Prophetischer Sinn otlenbart sich aucli noch im Talmud, insofern er nach der Consequenz der messianisclien Idee in der Zukunft der Menschheit das ganze Ccremonialgosetz, sehr bezeichnender Weise ausgenommen den Versöhmmgstag, als aufgehoben erklärt. Die Gegenwart des Juden darf eben nicht gedacht werden ohne den strengen Zusammenhang mit der Zukunft der Mensch״ heit. Es giebt keinen Kampf mehr unter den Ideen, wenn dieser (Jegensatz subjektivirt werden darf. Den zwei Richtungen gehen zwei Arten des Heiligen parallel. ״Von jeher werden innerhalb des Judenthums zwei Arten des Heiligen unterschieden; das den Gottesdienst betreffende, mit dem Kultus, vorzugsweise mit dem Tempel- und Opferdienst verbundene Heilige einerseits und andrerseits das Heilige der Denkweise, ■der Gesinnung des Gemüthsstandes. Der Kürze halber kann man die beiden Arten als die des rituellen und die des ethischen Heiligen unterscheiden“. (S. 188) Nur (1er Kürze halber? und nicht der Sache wegen? Freilich es wäre noch eine schärfere Bezeichnung möglich: die des polytheistisch-Heiligen unddiedes monotheistisch-Heiligen. Aus dem heidnischen Sprachgebrauch ist auch im Judenthum das Wort entstanden. ,Aber die Propheten haben diese Heiligkeit auf den Opferpriester abgeladen. Die sittliche Heiligkeit dagegen vertritt ihnen der neue heilige Gott. Audi dieser Unterschied gleicht sich in dem versöhnlichen Geiste dieses Buches aus. Die Symbolik bietet hier ein unverdächtiges Mittel. Sehr bezeichnend ist für die Tendenz dieses Standpunktes die geringschätzige Behandlung eines der fundamentalsten Begriffe in der staatsrechtlichen Ethik des Judenthums, dessen Schöpfung ein Verdienst ist-, das nicht hoch genug geschätzt werden kann. Der ganzen confessioncllen Befangenheit, vT0n der die christliche Welt nur erst angefangen hat sich zu befreien, steht als Idealbegriff einer von der Religion unabhängigen Sittlichkeit der Begriff des Noachiden gegenüber. Als die grosser! Forscher des17 ־. Jahrhunderts von diesem abson״ (!erlichen Fremdling des religiösen Völkerrechts die Kunde ent- .deckten, da gerietlien sie in jenes fruehtbare Erstaunen, welches die Forschung zur Kraft der systematischen Begründung antreibt. Die Prin-ipien des Naturrechts fanden Johann Seiden und Hugo Grotius in dem Naturrecht der sieben Noachidischen Gebote. Herr Lazarus vermisst darin die ״Hindeutung auf die Ideen des Wohlwollens und der Menschenliebe“ (S. 168). Dass die Idee des Rechts und der Gerichtsverfassung der