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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1899-01-01 · Heft 10 · p. Seite 443

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
43 (1899)
Issue
Heft 10
Article
Das Problem der jüdischen Sittenlehre
Date
1899-01-01
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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Das Problem der jüdischen Sittenlehre. 443 Unter den Schwierigkeiten der jetzigen Zeit bildet das Buch auch in dieser Beziehung eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Wie es überall den Instinkten der Menge mit der Feinfühligkeit der Popularität entgegenkommt, so hat es das einseitige Beeilt■ der ceremoniellen Judenheit uneingeschränkt verstärkt. ״Man darf nie vergessen, dass für die grosse Masse des Volks überhaupt, und des jüdischen insbesondere alles Gesetz seit unvordenklichen Zeiten als göttliches gelehrt ist, ein Unterschied von ethischen und religiösen Pilicliten gar nicht zum Bewusstsein kommt“. (S. üb) Mit Verlaub! Das ist eine Entstellung des jüdis< lierf Bewusstseins. Der Unterschied einer gottesdienstlichen, ceremoniellen und einer sittlichen Pflicht ist in den normalen Kreisen der jüdischen Niederungen selbst nirgends und niemals für das religiöse Gefühl verschwunden. Der einfac he Mann hat immer die fromme That der Mensehenliebc von der strengen Erfüllung der Gesetzesbräuche unterschieden. Und die Märtyrer, auf die der Verfasser sich bezieht, sind für die Einheit des göttlichen Namens in den Tod gegangen. Für das Ceremonialgesetz hätten sie das nicht gedurft, und haben sie es nicht gethan. Vielleicht hat der Verfasser hier nicht eigentlich an das Ceremonialgesetz gedacht, indem er die religiöse Pflicht mit der etliis( lien gleichsetzen liess. Aber während er natürlich die zwei Bichtungen innerhalb des Judenthums, die national- ] artikularistis< he und die mensdiheitlichuniversalistische, aut 11 seinerseits unterscheidet (8. 1 (> 111), so konkludirt er dennoch: ״Beide Dichtungen sind nicht sowohl ethisch als psychologisch von einander unterschieden; nicht objektiv in der Lehre, sondern subjektiv in den Personen liegt der Grund ihres Gegensatzes, nicht in einer Abweichung des ethischen Gehaltes, sondern in der Bildung .der Charaktere. Nicht über das theoretische Ziel lind die Zukunft der Menschheit, sondern nur über den praktischen Weg und die Gegenwart des Juden wird gestritten“. (8. 1 63.) Beinah jedes Wort in diesen Sätzen enthält und enthüllt den verhängnisvollen Grundirrtlmm. Und der Opportunismus des Mannes reizt hier um so lebhafter zum "Widerspruch, als derselbe hier ganz sachlich zum Ausdruck gebracht werden kann. Es giobt keinen schärferen und keinen reineren ethischen Unterschied als den bezeichrieten. Und keine Schiefheit des Urtheils kann tiefer empören, a ls wenn der Unterschied zwischen dem Propheten und dem Priester zu einem Unterschied des psychologischen Temperaments nivellirt wird. Wie der Himmel von der Erde fern ist, so ist der sittliche Gehalt in Beider Frömmigkeit verschieden.

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