Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
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442 I>as Problem der jüdischen Sittenlehre Beseelung wurden die ästhetischen Kräfte der Weltkultur aufgesogen. Wahrlich nicht allein die Poesie des geschichtlichen Judenthums, sondern geradezu der geschichtliche (!eist des Judenthums wird diesen Zauber nicht brechen können, sondern nur seine endliche Lösung erharren. Trutz alledem aber darf uns diese unsere geschichtliche und schleehthin religiöse Anhänglichkeit von dem ewigen Leitgedanken unserer Religion, von der weltgeschichtlichen Tendenz unserer Propheten nicht ablenken und nicht abwumdig machen. Sie haben den Partikularismus, als er noch eine politische Wacht w׳ar, übenvunden, und den Universaiismus des ׳Judenthums und dadurch die Weltreligion überhaupt geschaffen. Die messianische Idee ist durch sie der innerste Kern der jüdischen Guttosidee geworden, und auf dem messianischen Gotte beruht die Ewigkeit■ des Judenthums. Zu diesem Universalismus bildete der Opferdienst nicht nur den privat-sittlichen Gegensatz, sondern auch den dos geschichtlichen Partikularismus. Und das gottesdienstliche Ritual hei aller seiner tiefen ästhetisehen sowohl als geschichtlichen Kraft ist doch die Fortsetzung des Opferdienstes. Wir würden die Weltreligion des Judenthums aufgeben, wollten wir principieil das Ghetto des Uerernonialgeset7.es fest halten. Das Odium, welches auf dem ungeschichtlichei) »Schibboleth von der Ausenvähltheit liegt, nährt und recht fertigt sich in dieser Gedankenschwiiche. Und zudem würden wir die Lauterkeit und die reine Energie unseres sittliehen Gefühls trüben und unsicher machen; wir würden die sittliche Kraft, die dem ästhetischen Gefühl beiwrohnt, in das rhetorische Feuenverk einer seelenlosen Sentimentalität verpuffen, wenn w־ir mit demselben Pathos die ewigen Ideen und die Poesie der Küche besängen — zumal wenn die eigene Lebensprosa nicht mehr mit jener Poesie übereinstimmt■. Ja sogar unsre schlichte Unterwerfung unter den Muralkodex des bürgerlichen Rechts würden wir verdächtig machen, w׳enn wir ihren sittlichen Werth, ebenso feierlich ]niesen, wie den der Zaun - Gebräuche. Wir würden eine tieiVerdorbliche Heuchelei in unserm Glaubensgefühle grossziehen, wie sie auf den religiösen Gebieten leider nicht selten ist; bei uns aber gar nicht vorhanden zu sein brauchte. Denn was unsere Gottesidee bedeutet, hat der Prophet als Sittlichkeit den Menschen offenbart. Unklarheit giebt es da ausschliesslich im Mechanismus der Gebräuche, die zwar als Gesetz errichtet sind, aber in der Lehre ihre Controle und ihr Uorrektiv anzuerkennen haben.