Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
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Das Problem der jüdischen Sittenlohre. 441 mit der Lehre liutte hängen bleiben können. Diese Gleichsetzung ist nur unter der polemischen Tendenz der Veränderung des Gottesbegriffs verständlich. Die Bedeutung und Leistung des Gottesbegriffs für den Begriff* des Menschen, für das Individuum wie für die Menschheit, soll bei Paulus grundsätzlich verändert werden. Der geschichtliche Sinn der Reform im Judenthum und daher ihr religiöser Werth liegt in der Behauptung des Judenthums bei principieller, und doch keineswegs schablonenhaft durchgeführter Ablehnung der rituellen Aussenwerke. find die .Geschichte dieses Jahrhunderts dürfte die Richtigkeit dieser These bereits bewiesen haben: das Judenthum hat sich auf Grund seiner prophetischen Ideen für die moderne geistige und politische Kultur als eine weltgeschichtliche Potenz in Kampf und Versöhnung ausgewiesen. Und der Zweifel, als ob die Niederreissung, oder auch nur Lockerung des Zaunes den Grund und Boden des Gartens unfruchtbar machen könnte, ist durch die bewährte persönliche Situation zahlloser glaubenstreuer ׳Bekenner eitel geworden. Imlessen hat freilich angesichts dieser Belebung und Kräftigung der Geistesmacht des Judenthums der alte Hass sein altes Gift neu gemischt. Und hei der politischen, vielmehr anarchischen Gewalt, die er zum Hohn auf das moderne Staatsrecht noch immer zu simuliren vermag, konnte er zwar die Säfte des Judenthums nicht schädigen; umsomehr aber in weiter Verheerung die Schösslinge. Das ist die tiefe Verblendung der Staaten, dass ihnen ganz besonders die Selbstentehrung der Juden recht ist. Daher ist es in unseren Tagen besonders erklärlich, dass man den Schutzwert des Zaunes wieder einsichtiger schätzen mag. Es muss Leider zugestanden werden, dass wir die Reife der Zeiten überschätzt hatten. Wir betinden uns leider noch ]licht in den Vortagen des messianischen Zeitalters. Und so muss der Zaun mit weiser Discretion noch weiter gepflegt worden. Und die Dankbarkeit zumal gegen ihn, die in den tiefsten Gefülilen der Pietät gegründet ist, kann niemals untergeben unter uns. ]Man glaubt, es sei ein enges, verengtes Dasein in dieser Welt des Zaunes. Aber wie haben die Jahrtausende dieses absonderliche Innenleben durch alle Qualen des Menschenhasses und durch alle Tröstungen des Gottesfriedens gekittet. Und wie haben sie eben dadurch den Horizont dieses Innenlebens geweitet, den sittlichen wie den geistigen. Nicht nur das poetische Gemüt!! fand darin seine Belebung, nach der es in aller Noth und Angst des bürgerlichen Daseins das rührende Verlangen bewahrte: in der Gebetordiiung und ihrer musikalischen