Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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Das Problem der jüdischen Sittonlehre. 437 dass die Confusion zwischen Gott und Mensch einer Mystik Vorschub leistet, welche im Uesammtgeist des Judenthums stets nur einen Seitenweg bildete, der als ein Abweg von den führenden Geistern unter uns erkannt worden ist. Aus der Fasten-Predigt Jesaias schliesst der Verfasser: ״dass auch alles sittliche Handeln wiederum zum Srtnbol wird, zum Symbol für die Hingebung an Gott, und die Versenkung in Gott.״ (S. 277) Ist das Judenthum? Ist im Judenthum die Hingebung an Gott zugleich die Versenkunng in Gott? Aus der eklektischen Verirrung zu einer solchen Mystik erklärt sich die Deutung eines Midrasch, in welchem der Schwerpunkt in sein Gegentheil verschoben wird. ״Wenn ihr Euch selbt heiligt, so rechne ich es Euch an״ (richtiger: so bringe ich es über Euch) ״als ob Ihr mich selbst geheiligt hättet.“ Darüber geräth der Verfasser in einen wahren Paroxysmus. ״Man kann es schlankweg als den kühnsten, erhabensten, beseligendsten und gnadenreichsten Gedanken bezeichnen, dass Gott der Allheilige durch den Menschen geheiligt werden soll. Das וגקדשתי (hevit 22,32 und Ezecli. 20,41 und sonst) ist der höchste Begriff, der von einem Menschengeiste gedacht, und das edelste Wort, das von menschlicher Zunge geredet worden ist.״ Für den Geschmack seines Stils muss ich es ausnahmsweise hier einmal hervorheben, dass der Verfasser es fertig bringt, die ausschweifendsten Ausdrucke religiöser Bewunderung mit dem Promenadenausdruck ״schlankweg“ zu verbinden. Aber zur Sache, die von der erheblichsten Wichtigkeit ist. Nicht das ינק דשתי, ist der höchste Begriff, sondern das ״ .והתקדשתםWenn Ihr Euch selbst heiligt״: darauf legt der Midrasch den Nachdruck, das ist die Autonomie des Midrasch. Und um diese Grundbedingung der Sittlichkeit als solche hervorzuheben, spielt der Midrasch mit dem Wesen Gottes. Die Mystik macht Ernst aus solchem Spiel. Den Gcsammtgcist des Judenthums dagegen vertritt K. Akiba mit seinem grossen Ausspruch: ״Heil Euch Israel, wer reinigt Euch, und vor wem reinigt ihr selbst Euch״. Das ist die Autonomie im Judenthum. Die Bezugnähme aber ,,auf den Vater im Himmel״ bleibt bei dieser Art von Autonomie streng erhalten. Und Gott bleibt der Fernpunkt; er wird nicht zum Gegenstand der Versenkung. Aber freilich das Alles hat ja ungefähr auch schon so Maimonides gesagt. Und wir werden sehen, welche Rolle der Verfasser diesem Systematiker unserer Dogmatik, und somit unserer Ethik, im Gesammtgeist des Judenthums zuweist.