Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829727-2829738-2882264--29542-2882281- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43<i Das Probien! der jüdischen Sittenlehre. gleiehgesetzt; sondern dem allgemeinen Gefühl, diesem sinnliehen Ausdruck des Gegensatzes zum Vernunl’tprincip, wird die Autonomie überantwortet. ״Das Gefühl der Verpflichtung also ist die autonome Quelle des Ethischen überhaupt.44 (S. LI6) Der Unterschied zwischen Vernunft, Gefühl und sogar Trieb — Riimelin wird mit Kant auf ein Niveau versetzt —: ״das macht nur (‘inen psychologischen, aber keinen ethischen Unterschied.“ ״In Bezug auf dun letzten Grund oder das Princip der Sittlichkeit fügt sich diu eine wie ■die andere Form in die ethische Würde.“ (S. 117) Sollte man nicht aber auch wenigstens für die ethische Weihe besorgt sein dürfen? Ist es auch gleichgültig, Gott zum Trieb zu machen? Der Verfasser ist jetzt aber ausschliesslich der Anwalt des Menschen. Und in diesem Eifer lässt er sogar den Midrasch sagen: ״Dass der Mensch, als sittliches Wesen, sein eigener Selbstschöpfer ist.“ (S. 1*24) Später bei dem Unterschiede des religiös-Heiligen von dem sittlich-lleiligen heisst es: ״das ethische Heilige aber kann auch unabhängig von dein religiösen gedacht werden: es hat seinen Werth und seine Würde in sich selbst,_auch ohne die Beziehung auf Gott, als den Gesetzgeber der Sittlichkeit; die sittliche Idee lebt und webt in ihr selbst., auch ohne die gleichzeitige Einsicht, dass sie in Gott realisirt ist.“ (S. DK.)) Bündiger kann das Verhältnis« zwischen Gott und der autonomen Sittlichkeit nicht gelöst werden. Ist das aber Judenthum? Der Kantischen Autonomie entspricht es nur dem äusseren Scheine nach: ״die Idee der Sittlichkeit seihst ist der Grund alles Guten, die Person aber ist seine Ursache.“ (S. 2IG) Weledie Person? die Person oder die Persönlichkeit? Die psychologische oder die sittliche? Die sittliche Gemeinschaft oder das sinnliche Individuum? ״Der Egoismus ist nothwendig, und nicht bloss ein nothwendiges Uebel, sondern ein c0nsti tuire 11 des Element —; . . um herzugeben, muss man erwerben. Ebenso verhält es sicli mit dem Gegensatz der Individualität und der Allgemeinheit.“ (S. 343) So ist denn endlich der sittliche Geist durch Gefühl 7 und Trieb zum Egoismus eingeschrumpft. Dieser selbstische Mensch ist aber der strikte Widerspruch zum menscliheitliehen 7 Menschen, als dem autonomen Erdenker seiner Sittlichkeit. Haben wir so die das Problem einer jüdischen Sittenlehre vernichtenden Folgen des unklaren Schwankens^zwischen Gott und Mensch, als Princip, erkannt, so müssen wnfzugleich sehen,