Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829727-2829737-2882194--29481-2882214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Problem der jüdischen Sittonlehr«. ÖS7 Eine ander(‘ Betrachtung führt zu einer neuen Art von Schwierigkeit für das Problem der jüdischen Sittenlehre. Den hauptsächlichen Stell1 für die Entwicklung des dudenthunis in Bezug auf seinen sittlichen (!(1halt bilde!! seine Glaubenslehr(1]!. Die Sittlichkeitdes .ludenthiiins ist in seiner Keligmn <M1thalten. In den biblischen. Quollen ist bekanntlich die Glaubenslehre und die Sittenlehre durchmischt; nicht nur mit gottesdienstlichen Verordnungen, sondern zugleich mit (lesetzen des Staatsrochts, des bürgerlichen und des öffentlichen Rechts; ganz abgesehen von der (■onijdikation mit der Sageng־eschn־hte und mit der Poesie. End für dio mündliche Lehre erhält sich diese Complikation theilweise zum lebendigen Vor•־ theil derselben, theil weise aber auch als ein methodisches Hemmniss. Die Entstehung und Ausbildung des Midrasch, als einer besondern Litteraturgattung, ist als der Anfang einer zwanglosen Dogmatik zu verstehen. Und kaum war diese Litteratur zu einer Art von Abschluss gelangt, so führte die Perührung mit der Philosophie, tiefer und lebendiger, weil oonereter undselbstündiger als ehemals in Alexandrien, zu einer neuen Verfassung der Glaubenslehre, So entstand seit dem 10. Jahrhundert die jüdische Religionsphilosophie, die in ihrer das ganze Leben des Judentlmms beherrschenden, erhebenden und aufregenden Hedeutung bisweilen wol unterbrochen oder zurückgedrängt wurde, die aber gänzlich niemals unter uns erloschen ist. Das Huch, dem diese Betrachtungen gewidmet; werden, erhebt den Anspruch, zum ersten Mal die Ethik des Judentlmms darzubieten. Und das Echo, das diese Ankündigung in der gedankenlosen Zustimmung urtheilsioser Reccnsenton findet, giebt dem Verfasser wenigstens den Trost einer subjektiven Entschuldigung für diese schwere Anschuldigung unserer geistigen Geschichte. Ohne persönlichen Vorwurf aber muss es ausgesprochen werden, dass dieses Wort die schwerste und die bitterste Kränkung enthält, die uns in diesen schlimmen Zenten widerfahren könnt(‘. Wie? die ganze grosse, reiche und tiefe Geschichte unserer Religionswissenschaft sollte eines solchen Zeugnisses ermangeln? Den gedeckten Tisch hätten wir bereitet; aber die Lehre der Weisheit hätten wir verschmäht? Würde nicht damit bewiesen sein, dass wir im sogenannten Gesetz verstrickt und verhaftet gehlieben wären, da wir die Sittlichkeit als ein Beiwerk hätten liegen lassen? Warum haben wir denn nicht, richtiger hätten wir nicht eine besondere jüdische Ethik? Vor allem bedarf es keiner vielfachen literarischen Nachweise* um die literarische That- '25*