Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus der Zeit der Renaissance
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 4)
- Language
- German
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Aus der Zeit der Renaissance. 253 an einer dritten Stelle aus, kann der Glaube an ein ewiges Leben und an die in ihm zu erlangende Glückseligkeit nicht abgesprochen werden, da sie ohne einen solchen Glauben nicht, wie es thatsächlich geschieht, den Märtyrertod für ihr Gesetz auf sich nehmen würden. Allein sie können die ewige Glück- Seligkeit, die sie erwarten, nicht aus ihrer Gesetzeserfüllung herleiten, da ihnen im Gesetz (der Thora) eine ewige Glück- Seligkeit nicht verlieissen wird, sondern aus einem Glauben, dessen Voraussetzung Christus bildet1). Im Uebrigen war Nicolaus von Cusa, was sich auch in den angeführten Aeusserungen nicht verleugnet, ein Mann von weitem Blick und von einer Unbefangenheit in seinem religiösen Standpunkt, die bei einem christlichen Theologen am Ausgang des Mittelalters alle Anerkennung verdient. In seiner Schrift ״De pace seu concordia fidei‘c macht er den bemerkenswerthen Versuch, auf dem Wege der Wissenschaft eine Einheit aller einander bekämpfenden Religionen anzubahnen. Es ist nur eine Religion, so meint er, die sich in der Verschiedenheit der religiösen Uebungen offenbare. Gott hat den verschiedenen Völkern verschiedene Propheten geschickt, um sie in ihrer Art in der Religion zu unterrichten. Nur dadurch, dass sie die Einheit in dieser Verschiedenheit nicht erkennen und den Inhalt über der Form vergessen, haben sich die Völker in verschiedene und einander entgegengesetzte Religionsgenossenschaften gespalten. Und doch verehren Griechen, Italiener, Araber, Juden und Skythen alle die gleiche Wahrheit, selbst die Polytheisten verehren die eine Gottheit in ihren vielen Göttern. Es waltet nur Verschiedenheit im Ausdruck und in der Form, der religiöse Inhalt ist derselbe. Deshalb müsste es leicht sein, durch einige weise und erleuchtete Männer eine Vereinigung aller Religionen anzubahnen. Nur müsste man in den äusseren Gebräuchen keineüebereinstimmung verlangen; man könne z. B. die Beschneidung zulassen und selbst den Bilderdienst der Polytheisten dulden, wenn man nur die bildliche Bedeutung nicht vergesse2). J) Dialogus de pace seu concordantia fidei cap. 14, pag. 875. Judaei pro observanbia legis et ejus sanctimonia inorti se tradunt. Unde nisi crederent, se felicifcatem post mortem ex eo assecuturos, quia zelum legis praeferunt vitae, non morerentur. Non est igitur fides Judaeorum, non esse vitam aeternam, ac quod illam assequi non possint (aliter enim nemo moreretur pro lege) sed felicitatem, quam exspectant, non exspectant ex operibus legis, quia illae leges eam non promittunt, sed ex lide, quae Christum supponit, ut supra dictum roperitur. 2) Vgl. Stöckl, Gesch. der Philosophie des Mittelalters, 3. Bd. (Mainz, 1866) S. 83.