Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
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Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel uud im Talmud. 207 Couservativität, nach welchem alte Gebräuche mit der Umgestaltung ihres Inhaltes ihre Form gar nicht oder nur wenig ändern, bleibt der wesentliche Theil der Rcinigungsproecduren trotz der veriimlerten Anschauung noch immer in Kraft. und es fällt uns nicht schwer, ihn selbst, durch die vielen Schichten hindurch, die sich über dieselben gelagert haben, zu erkennen. ])er bekannte englische Keehtsgelelirtc Maine äussert sich über analoge Erscheinungen wie folgt: ,,Die (יebriiuche, weicht‘ in irgend einer (Gesellschaft in ihrer Kindlicitsperiodc entstanden sind, sind im Allgemeinen der physischen uud moralischem Wohlfahrt derselben angepasst .... Die grosse Masse natürlich unterwirft sich den ^ungeschriebenen) (Gebrauchen und, unfähig zu begreiteu, auf welchem Wege sie entstanden sind, schreibt sie ihr Vorhandensein übernatürlichen Ersuchen zu. Sodann beginnt jener Proeess, dm* sich in folgenden wenigen Worten formuliren lässt: aus vernünftigen Gebräuchen entstehen unvernünftige. Kaum war irgend (‘int* Speise aus sanitären (Gründen verboten, so wurde sofortdas Verbot auf jede ähnliche Speise ausgedehnt, obgleich diese Aehnliehkeit ans sehr zweifelhaften Analogien hergeleitet ward; ebenso führten vernünftig(‘ Massregeln, welche zu Reinliehkeitszwecken vorgeschrieben waren, mit der Zeit zu coinplicirten (1eremonien feierlicher Waschungen•). Febrigens tritft dieses, nach Maine, nur auf ungeschriebene Yolkssitten zu: das geschriebene Gesetz unterliegt dieser Gefahr nicht. Der Vorzug des römischen!{■echtes vor dem indischen trotz ihres gemeinsamen Ursprunges erklärt sich, nach Maine, dadurch, dass das ersterc frühere als das indische schriftlich fixirt wurde. ״Der!Mimische Codex wurde zu einer Zeit angetertigt, als die Gebräuche noch nicht corrumpirt waren : wäre er hundert Jahn; später abgefasst worden, so würde es schon zu spät gewesen sein*).״ Wir sehen somit, dass die Entwickelung der Gesetze bei den alten Völkern ihren Weg vom Rationalismus zum Symbolismus hin nahm und nicht umgekehrt, und dass der Rationalismus sich am häutigsten und dauerhaftesten bei denjenigen Völkern erhalten hat. bei denen die Gesetzgebung schon früh eine schriftliche Form angenommen hat, so dass der Rationalismus der Gesetze gewissenmissen als ein l) H. 8. Maine, Ancient law in connection with the early historv of society, p. 15 ff. ף a. a. 0.