Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829727-2829733-2881928--29257-2881950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 Oie rituellen Reinhoitsgesetze in der Bibel und im Talmud. Wir haben uns solange bei der Krage über den allgemein obligatorischen Oharaeter der rituellen Reinhoitsgesetzr autgehalten, zunächst weil von der Anerkennung ihrer Gemein* giltigkeit die. Anerkennung ihrer sanitären Bedeutung abhängt, sodann weil sie nach dem Vorgänge des Talmud, bisher sowohl von Theologen wie von Historikern bestritten wird Die Annahme der ausschliesslich sacralen Bedeutung dieser Gesetze hat sogar unseren mittelalterlichen Denkern Voranlassung zu einer höchst sonderbaren Erklärung des ihnen zu (:»runde liegenden Zweckes gegeben. Nach der Ansicht Saadia’s und besonders. Maimnnides' 1) sollte die ganze Institution der rituellen Reinheit. mit allen ihren complicirte» und äusserst drückenden Kegeln eigentlich gar keinen seihständigen Zweck hahen. sondern nur dazu dienen, dem Juden den Besuch des Tempels nach Möglichkeit zu erschweren. Mit je grösseren Schwierigkidtim der Besuch des Tempels für ihn verbunden sein, je seltener sieh ihm hiezu Gelegenheit bieten wird, desto werther wird das Heiligthum seinem Herzen werden, desto grössere Verehrung wird er ihm entgegenbringen. Bei aller Ehrfurcht. die wir für die beiden genannten Leuchten unserer Religionsphilosophie hegen, müssen wir dennoch anerkennen, dass die von ihnen gegebene Erklärung vor der Kritik nicht Stand hält. Der Gesetzgeber stellt eine ganze Reihe höchst verwickelter Gesetze aut. welche zufällig gerade den Anforderungen der Sanitätslehre angepasst sind, und soll dieses nicht, etwa desswegen gethan hahen, weil diese Gesetze an und für sieh nothwendig sind, sondern um vermittelst, ilirer dem häutigen Besuche des Tempels Sehranken zu setzen, während dieses doch durch viel einfächere Mittel erreicht, werden konnte, wie etwa durch ein direct.es Verbot, den Tempel mehr als drei Mal im Jahre zu besuchen! Viel wahrscheinlicher dürfte unserer Ansicht nach die entgegengesetzte Vermutliung sein. Wohl wissend, welch mächtige Anziehungskraft Tempel und Opfer für das Volk Uesassen, hat der Gesetzgeher diese letzteren in engen Oonnex mit der .stricten Beobachtung der rituellen Reinheit gebracht, um auf diesem Wege das Volk an die Einhaltung derselben auch im alltäglichen Leben zu gewöhnen und es so vor verschiedcncn ansteckenden Krankheiten zu bewahren. Der ׳) Emunotk wc-Deoth IJI; Moreh ha-Nebuchim 111. capp. 35 u. 47.