Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829727-2829731-2881801--29144-2881825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. XQ7 er unter den Königen, deren. Beispiel die Masse folgte, viele Anhänger fand. Um diese]• Verlockung־ entgegenzuwirken, hielt es der Gesetzgeber für geboten; gewisse physiologische Funktionen als ״Unreinheit“ zu qualificiren und diese Vorstellung den! Volke durch Jahrhunderte lange Erziehung einzuimpfen, so dass alles, was den Stempel der Unreinheit trug, dem Israeliten das Gefiil.il des Abscheues einflösste und in seinen Augen jedenfalls nicht Gegenstand der Heiligkeit und des Üultes sein konnte. Dieser Zug der Volkspsychologie war es auch, den der fromme König Josia benutzte, unter dessen .Regierung das Mosesbuch im Tempel aufgefunden wurde, welches lange Zeit hindurch unbekannt geblieben war1). Um den Götzendienst, gegen welchen seine frommen Vorgänger vergebens angekämpft hatten, in Judäa völlig auszurotten, fand er kein besseres Mittel, als die heidnischen Altäre mit der Asche menschlicher Gebeine zu bestreuen, um sie so in den Augen des Volkes unrein zu machen2). Und dieses Mittel erwies sich wirksamer, als die Donnerworte sämmtliclier Propheten. Es darf wohl mit grosse!* Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass auch das Heidenthum seine vielleicht nicht weniger redebegabten Propheten hatte, welche es verstanden, dem Volke beizubringen, dass der Baal-und Astarte־ cult durchaus nicht mit dem nationalen Monotheismus in Widerspruch stelle. Man darf überhaupt über unsere Altvordem nicht allzustronge urtheilen, dass sie so oft ins Heidenthum versanken. Das Heidenthum in seinen verschiedenen Manifestationen ist der menschlichen Natur allzutief eingewurzelt, und träte jetzt ein Jesaias oder Jeremias in unserer Mitte auf, sie würden im Leben der modernen Juden nicht wenigei* Stoff für ihre Geisselreden finden. Ausser dem angedeuteten allgemein-religiösen Zwecke hatte das Gesetz unzweifelhaft auch eine ethisch-hygienische Bedeutung. Indem das Gesetz die Vollziehung des geschlecktliehen Actes an gewisse lästige und beengende Proceduren knüpfte (Entfernung aus der Gemeinde für kurze Zeit, obligatorisehes Baden), wollte es dazu beitragen, im Volke das Gefühl der Massigkeit und der Enthaltsamkeit zu entwickeln und es vor dem zerstörenden Einflüsse, den jedes Uebeiv mass auf die physische und moralisch(* Natur des Menschen ״110 (׳. II, XXII, 8. ü [Diel. XXIII, 8. 15.