Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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1Q6 Die rituellen Reinheitsgesetze in der Eibe! und im Talmud. Gemeinde halten, aber im Gesetze, wenigstens im Buche Leviticus, wo darüber gehandelt wird. findet sieh nicht die leiseste Andeutung darüber, dass er in irgend einer Weise seine ״Unreinheit“ andern Personen oder Gegenständen mittheilen könnte1). Und das ist ganz natürlich, denn es handelt sieh hier um eine rein physiologische .Erscheinung, um ein rein physiologisches Secret, das nichts Pathogenes enthält. Wir sind der Ansicht, dass das hauptsächlichste und l^vusste Ziel dieses Gesetzes darin bestand, in dem hebräischen Volke einen Abscheu gegen den heidnischen Cult der benachbarten semitischen Völker zu erziehen. Diese Art' der Unreinheit, von welcher hier die Hede ist, exist.irte bei den andern semitischen- Völkern nicht und konnte bei ihnen keinen Platz finden, weil, das, was die mosaische Gesetzgebung Unreinheit nennt, bei ihnen Gegenstand des Cultes und des Gottesdienstes war. Die Phönicier, wie die Semiten überhaupt, verehrten bekanntlich die Naturkräfte in Gestalt zweier Gottheiten: des Baal, welcher das active, helebende und befruchtende Princip der Natur personilicirte. und der Astarte, welche die passiv(', empfangende und erzeugende Thätigkeit der Natur repräsentirte. Der Cult der Astarte bestand vornehmlich darin, dass Priester (קריטים) in weiblichen Gewändern und Priesterinnen (קר׳טי־ח) in Männerkleidung einen Reigen um den heiligen Aschera-Pfahl aufführten. Ihre Bewegungen, anfangs ruhig und rhythmisch, wurden, je höher die Erregung dev Tanzenden stieg, immer heftiger und leidenschaftlicher; unter dem Einflüsse der immer mehr wachsenden Nervenerregung brachten die Priester sieh mit ihren Messern Wunden bei, und der Anblick des Blutes steigerte noch die religiöse Ekstase, welche auf die ringsum stehenden Männer und Weiber ansteckend wirkte, und sie mit in den Wirbel fortriss, bis dieses alles endlich in den .widrigsten ►Seenen der Verzückung und Wollust seinen Ab- Schluss fand, welche natürlich eine allgemeine Erschlaffung und Abspannung zur Folge hatten. Dass der Astartecultus bei all' seinem zerstörenden Einflüsse auf die Gesundheit in den Augen der Israeliten dennoch viel Anziehendes und Verführerisches hatte, ersieht man schon daraus, dass weder das vielfach wiederholte mosaische Verbot, noch die donnernden Reden der Propheten, etwas gegen Ilm vermochten, lind J) Siehe Ibu-Esra und Naehmanides zu Deuteronom. XXII!, 10. 18.