Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 41 (1896-1897)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1896-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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(J0 Besprechungen. der Geschichte mit allzu leichtem Herzen hinweg. l)io unbedingte Autonomie der Ethik, ihre Enabhängigkoit von der .Religion ist ihm eine unerlässliche Voraussetzung der modernen Weltanschauung, Dass aber der geschichtliche Hergang .ein geradezu entgegengesetzter war, spricht er selber in folgenden treHliehen Worten aus: ,,Mangel au historischer Besonnenheit verrüth es schon, wenn man die Religion eine Nebenbuhlerin der Ethik nennt. Richtiger wäre die Umkehrung. Die Erzeugung ethischer Gedanken und die Begeisterung für don höchsten und einzigen Werth derselben verdankt die Ethik der Religion. Nicht die Philosophen waren die Ersten, welche die Gedanken der Sittlichkeit ergriibelten; sondern bevor Sokrates seinen Zweckbegriff des Menschen demonstrirtc und Plato die Idee des Guten ersann, hat der Prophet gepredigt: ,,Et hat dir gesagt, 0 Mensch, was gut sei‘4 ... Als Erkenntnis«, als Wissenschaft ist die Ethik das Werk der Philosophie; als Inhalt von Gedanken und Geboten ist sie der Hauptsache nach das Erzeugnis« der Religion.“ Unsero vollste Anerkennung aber müssen wir dem Verfasser aussprechen für den Mannosmuth und die charaktervolle Gesinnung, mit der er den auch in der Wissenschaft sich geltend machenden Bestrebungeu entgegentritt, die auf eine Herabsetzung des .ludenthums und soiner Bedeutung für die allgemeine CulturentwickLung abzielen: ״Während in allen Fragen der Wissenschaft und der Kunst das vorgleichende Interesse begünstigt wird, wird es bei der Religion, wo die iiorizonterweiterung am meisten noth thut, vernachlässigt, und die grössten Philologen machen Sehulknabenschnitzer, wo es gilt, der eigenen Confession den Besitztitel eines ►Satzes zu retten und der fremden ihn wegzudeuton. Und natürlich sind es immer nur sittliche Gedanken, um die die Confessionalisten sich streiten; denn um ein Dogma über die eine oder die andere der göttlichen Naturen wird heutzutage keine Bemühung mehr geschätzt. Daher denn die Bekenner der fremden Religion, denen die fraglieho religiöse, das ist aber vielmehr sittliche Wahrheit abgeleugnet wird, dadurch moralisch enthauptet werden. — Ein erstaunliches Beispiel solches religiösen Unrechts bietet die neuerliehe Exegese am Gebot der Nächstenliebe, welches man im alten Testament auf die Volksgenosson bezieht, während an der betreffenden Stelle ein Paar Vorse weiter os zum Ueberiluss ausdrücklich heisst: ״Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst.“ Hugo Grotius hatte auch diese falsche Meinung, aber er hatte doch die Ehrlichkeit hinzuzufügen, dass nach der Interpretation des Talmud der Nächste jeder Mensch sei. Unserem Zeitalter fehlt dies Minimum an historischer Wahrhaftigkeit, obzwar wir seit Herder den Sinn für Weltliteratur haben sollen, .der den echten Grund menschlicher Gesinnung bildet.4* (S. LVII-—VIII). Unmittelbar an diese Ausführungen schliesst sich eine scharfe und treffende Charakteristik des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitisinus and seiner Tendenzen an, für die wir dem Verfasser umso dank׳ barer sind, als er bei aller inneren Erregung 'sich doch die vornehme Haltung bowahrt, die dem geistig überlegenen Manne geziemt und seinen Worten nur einen umso grösseren Nachdruck verleiht. ״Diese der wissenschaftlichen Wahrheit widerstrebende, den Sinn für Wahrhaftig•׳ keit ertödtendo böse Einwirkung der religiösen Reaction, welche das Ende des Jahrhunderts kennzeichnet, ist der eigentliche Herd und das giftigste Mittel der Conflikt-Ersckeiuung zwischen Religion und Ethik, welche sich den für christliche Völker besonders geschmacklosen Namen des Antisemitismus gestiftet hat. Racenaffekte und wissenschaftliche