Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 40 (1895-1896)
- Issue
- Heft 10 (Juli 1896)
- Article
- Die Chronik des Achimaaz von Oria (850-1054)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 464 (sequence 3)
- Language
- German
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464 Die Chronik des Achimaaz von Oria. anderweitigen Angaben die Aussagen der neuen Chronik prüfen können, besonders die Uebereinstimmung ihrer chronologischen Daten mit den aus der Weltgeschichte bekannten geschiehtliehen Ueberlieferungen erwecken für die Wahrhaftigkeit des Chronisten von Oria ein günstiges Yorurtheil. Achimaaz ist freilich kein Geschichtsschreiber. Die fast mythisch gewordenen leitenden Persönlichkeiten in der Geschichte der jüdischen Bevölkerung Süditaliens vom 9. bis zum 11. Jahrhundert interessiren ihn vornehmlich als seine Ahnen. Die allgemeinen Begebenheiten, die Schicksale der jüdischen Gemeinden seines Landes finden in ihm nur insofern einen Erforscher und Berichterstatter, als sie mit der Geschichte seines Hauses Zusammenhängen. Es ist ein Stammbaum, eine Familienchronik in poetischer Form, was Achimaaz liefern will, keine Aufzeichnung geschichtlicher Ereignisse. An diesen sagenberühmten Gestalten aus der Vergangenheit dieses Geschlechtes ist ihm Alles gleich wichtig und üb erliefernswerth, das Kleine wie das Grosse, das Besondere und Anekdotenhafte wie das Allgemeine und Historische. Achimaaz ist kein Erfinder und kein Schönfärber; so weit wir ihn controliren können, erweist er sich hier als wahr und vertrauenswürdig, gläubig der Sage gegenüber, aber treu und streng in ihrer ]?esthaltung. Aber noch ein Anderes beeinträchtigt den Werth seiner Darstellung, der Zwang ihrer Kunstform, die Beimnoth des Mal?amenstils. Es wäre uns für die scharfe Erfassung des Ueberlieferten ungleich nützlicher gewesen, wenn Achimaaz in schlichter Prosa den Thatsachen Worte geliehen hätte. Statt so manches leeren Füllsels und von der reimesuchenden Phantasie eingegebenen WortgeklingeJs hätten wir mehr als Einen bezeichnenden Zug, ja sogar mehr als Eine auf Schlussreiche Thatsache seiner Darstellung entnehmen können, die innerhalb dieses Zwanges der poetischen Form keine Stelle fanden. Allein, auch hei diesen Mängeln und selb stauferlegten Hemmungen bietet uns die Chronik des Achimaaz neue und werthvolle Ueberlieferungen genug, von denen die jüdische Geschichte überhaupt, besonders aber die Cultur- und Litteraturgeschiehte der Juden in Süditalien Kenntniss nehmen muss, um Irrthümer aufzngeben, das Heue an Bekanntes anzuknüpfen und richtigeren Vorstellungen von der jüdischen Vergangenheit jener Gegenden den Weg zu bahnen. Wir überblicken den!Bestand der neugewonnenen Einsichten am besten, wenn wir mit Achimaaz die Reihe der Geschlechter vom Ahn zum Enkel herabsteigen.