Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 4)
- Language
- German
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274 Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt. herrschend war*). Daher wollte er lieber ans dieser lauteren Quelle ״die Wasser des Heyles“ schöpfen2). Diese lautere Quelle ist aber das auf dem Sinai geoffenbarte Gesetz. Denn das Yorgeben der Christen, dass der alte Bund durch einen neuen, vollkommneren ersetzt sei, hält er für ganz undenkbar. Gott ist kein Mensch, der heute so und morgen so spricht. Man soll daher Gott danken für sein heiliges Gesetz und nicht nach einem anderen, vermeintlich besseren Gesetze schnappen 3). Diese wissenschaftliche Ueberzeugung allein hätte aber Spaeth schwerlich zum״ Judenthum geführt. Es kam, wie schon erwähnt, seine innige Theilnahme und herzliche Liebe für die Juden hinzu, welche in damaliger Zeit unter den Christen in der That einzig dasteht. Freilich interessirten sich damals sehr viele Christen für jüdische Dinge; die rabbinische Erudition blühte unter den Christen wie niemals vorher und nachher. Es war die Zeit der Buxtorfe, WagenseiFs, Selden’s, Lightfoot’s, Beland’s, Surenhuys’, Bartolocci’s und vieler Anderer, welche Werke schufen, die noch heute von den der Quellen unkundigen christlichen Gelehrten als Fundgruben jüdischer Gelehrsamkeit benutzt werden. Aber diese Hebraisten waren meist Judenfeinde; ihre liebe galt nur den Büchern, nicht den Yerfassern. Man könnte aus den Sottisen, mit denen sie die Juden bei Gelegenheit regaliren zu müssen glaubten, ein ganzes Schimpfwörteiiexikon zusammenstellen. Und wenn Andere, wie Esdras Edzard, von ihrer Liebe zum jüdischen Yolke viel Wesens machten, so waren den Juden diese süssen Worte nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn sie hatten doch nur den Zweck — sie zum Christenthum zu bekehren. Bei Spaeth aber war es wirkliche, uninteressirte Liebe. Einst war ihm ein Bild aus der Tasche *) In Spaeth’s Zeitalter war man noch felsenfest überzeugt, dass die Wissenschaften, namentlich die Philosophie, von den Juden stammten. Clericus (Jean le Giere) war meines Wissens der Erste, welcher Zweifel dagegen äusserte. Er nannte diese Ansicht ״une pure vanite judaique“ (Bibliotheque choisie X, 1706, p. 165). Dies hinderte einzelne Gelehrte einer viel späteren Zeit nicht, an der alten Ansicht fest zuhalten. Hat doch noch in unserem Jahrhundert kein Geringerer als Arthur Schopenhauer alles Ernstes die Meinung verfochten, dass Plato seinen Theismus den Juden verdanke (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. I3, Leipzig 1859, S. 577.) Tobias Cohn machte noch in einem 1893 zu Potsdam gehaltenen Vortrage die Griechen zu Schülern , der Juden (Israels Gemeinschaftsleben mit den vorchristliehen Völkern, Berlin 1893, S.26*•י.) 2) Sendschreiben, S. 9. 3) Wächter a. a. 0., S. 28.