Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
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224 Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt. rufen, dass die ganze Kirchenlehre aus den Einbildungen solcher Schwärmer und Phantasten hervorgegangen seit). Koch mehr Eindruck machte es ohne Zweifel auf ihn, dass immer mehr Protestanten, und eben nicht immer die schlechtesten, wenn auch nicht dem Christenthume, so doch der Kirche, welche sie für unheilbar verderbt hielten, den Kücken kehrten. Gichtel und Loth bischer verliessen Deutschland, um im freieren Holland ungestört ihre kirchenfeindliche Ueberzeugung zu bekennen*, Gottfried Arnold sammelte: Material zu seinem grossartigen Werke, in welchem er beweisen wollte, dass zu allen Zeiten gerade die Ketzer, die von der herrschenden Kirche Ausgestossenen und Gebrandmarkten, die wahren Christen gewesen seien; Johann Genuwit lebte gar, von der Yerderbniss und TJnverbesserlichkeit der Kirche überzeugt, als Einsiedler* 2). Ja, Männer wie Horch, Dippel und Hochmann scheuten sich nicht, gleich den englisehen Quäkern, den Gottesdienst zu stören und dem Prediger öffentlich in der Kirche zu widersprechen3). Manche von diesen Separatisten gingen inihrer Schwärmerei bis zum Aberwitz, wie der unglückliche Quirinus Kühl mann. Sein Breslauer Rector hatte ihm prophezeit, er werde dereinst entweder ein grosser Theologe oder ein grosser Ketzer werden. Er wurde keins von Beiden, wohl aber ein grosser Karr, so dass ihm Adelung in seiner ״Geschichte der menschlichen Karrheit“ mit Recht einen Ehrenplatz angewiesen hat4). Er hielt sich für einen Sohn des Sohnes Gottes und für ausersehen, das tausendjährige Reich, welches er Kuhlmannthum nanate, zu begründen. Zu diesem Zwecke unternahm er weite Missionsreisen, namentlich um den Sultan und den Zaren zu bekehren. In Konstantinopel versetzte man ihm hundert Stockschläge und liess ihn dann laufen. Aber die Russen verstanden keinen Spass; sie übergaben den Unglücklichen, anstatt einem Irrenhause, dem Scheiterhaufen. Solche Erscheinungen, welche Spaeth bei Pietisten, Mystikern und Separatisten beobachtete., waren wohl dazu angethan, das Wenige, was ihm noch vom Chdstenthum geblieben war, zu zerstören5). Dazu kam noch die Einwirkung soci-! x) Sendschreiben eines gewesenen Pietisten, S. 6. 2) Goebel a. a. 0. Bd. II, S! 826. 3) Das. S. 818.׳ 4) Band V, Leipzig 1787, S. 3—90. Vgl. auch: Hagenbaek a. a. 0. S. 344 ff. 8) Sendschreiben eines gewesenen Pietisten S. 6.