Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 9)
- Language
- German
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186 Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt. kehr hei den Karmelitern in Frankfurt den lutherischen Glauben ab (1683) 1). Wir werden nicht annehmen dürfen, dass er damit ein gläubiger Katholik geworden war. Spener beurtheilt seinen Freund gewiss richtig, wenn er bei ihm schon damals Widerwillen auch gegen die katholische Kirche voraussetzt. Aber der Gedanke lag ihm doch noch fern, völlig aus der Christliehen Gemeinschaft auszuscheiden. Im heiligen römischen Reiche galt ja der Abfall vom Christenthum als ein Capitalverbrechen* 2). Blieb er aber Christ, so fühlte er sich wohl am meisten zu denen hingezogen, ־welche auf die Unterschiede der einzelnen christlichen Confessionen wenig Gewicht legten. Und deren gab es damals schon Yiele. Die gegenseitige Toleranz, anfänglich hüben und drüben perhorrescirt, war eine Nothwendigkeit geworden, seitdem die Religionskriege gezeigt hatten, dass die eine Partei die andere weder bekehren noch vernichten konnte. Nicht Wenige glaubten auch an die Möglichkeit, die Glaubensspaltung, welche schon so unsägliches Leid über das Vaterland gebracht, durch gütliche Einigung zu beseitigen. Hervorragende Männer, auf protestantischer sowohl wie auf katholischer Seite, wurden nicht müde, für dieses hohe Ziel zu wirken, wenngleich sie von der Orthodoxie als Synkretisten und Indifferentisten verketzert wurden. Gab ihnen doch.ein erleuchteter Fürst,, der Kurfürst Karl Lud wig von der Pfalz, ein erhebendes Beispiel, indem er in seiner Hauptstadt .Heidelberg die Eintrachtskirche zum gemeinsamen Gebrauch für alle drei christlichen Confessionen erbaute. Erreichten auch solche Bestrebungen nicht den beabsichtigten Zweck, so hatten sie doch den Erfolg, dass die Unterscheidungslehren der Kirchen in immer weiteren Kreisen als irrelevant zu gelten anfingen. Bekanntlich wurde damals die hannoversche Prinzessin Sophie Charlotte, die nachmalige ״philosophische“ Königin von Preussen, confessionslos erzogen, damit sie später die Religion nach ihrer Ueberzeugung, oder vielmehr nach der ihres künftigen Gatten wählen könnte. Spaeth selber hatte in Frankfurt höchst achtbare Bürger kennen gelernt, denen es gleich galt, ob sich jemand Protestant oder Katholik nannte, wenn er nur sonst ein rechtschaffener Mann war3). ג) Spener, Theo]. Bedenken III, 534. 2) Vgl. N. Samter, Der Uebertritt zum Judenthum. Eine rechtsgeschichtliche Studie. (Allg. Zeitung des Judent., 1894, S. 509 f.). 3) Spener, Consilia et judicia III, 427.