Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 7)
- Language
- German
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184 Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt. nachsichtig gegen Feinde, dabei streng gläubig und wahrhaft fromm, war er auch der Mann dazu, segensreich und nachhaltig in seinem Amte zu wirken. Als er an einem Sonntage besonders eindringlich über die herrschende Yerderbniss gepredigt hatte, kamen zwei der einflussreichsten Gemeindegiieder, der Rechtsanwalt Schütz und der Gymnasiallehrer Diefenbach zu ihm, um zu berathen, wie zu helfen sei1). Spener kannte wohl aus der reformirten Kirche jene frommen Conventikel, in welchen Privatpersonen zu gegenseitiger Erbauung zusammenkamen2). Man kam überein, solche auch in der lutherischen Kirche, zunächst in Frankfurt, einzuführen, um von innen heraus dem kranken Körper der Kirche frische Säfte zuzuführen und gleichsam durch ecclesiolae in ecclesia auf immer weitere Kreise zu wirken. Dies war der Ursprung der so berühmt gewordenen eollegia pietatis, die sich bald durch das ganze lutherische Deutschland verbreiteten und den Theilnehmern zwar den Spottnamen Pietisten von Seiten der Gegner eintrugen 3), aber von überaus grossem Einfluss auf die fernere Entwickelung der Kirche gewesen sind. Man kam (seit 1670) alle Montag und Mittwoch in Spener’s Studirstube zusammen; dieser las aus einem Erbauungsbuche oder aus der heiligen Schrift vor und knüpfte an das Yorgelesene Be- Pachtungen, welche wahre Frömmigkeit und den Entschluss zu einem gottgefälligen Leben in den Herzen der Hörer hervorrufen sollten. Jedermann konnte in diesen Versammlungen bescheiden seine Meinung äussern, obwohl in der Regel nur studirte Leute das Wort nahmen. In diesem frommen Kreise lebte unser Spaeth, und man muss gestehen, dass ihm hier das Christenthum in seiner edelsten Gestalt entgegentrat. Wenn er sich trotzdem bald unbefriedigt fühlte, so kann man daraus schliessen, dass er, obschon unbewusst, eigentlich über das Christenthum hinausstrebte, wenn auch seine Ueherzeugung noch keine feste Gestalt angenommen hatte. Schon jetzt hatte er eine Abneigung gegen das Sacrament des Abendmahls, welches sonst allen Christen, ohne Unterschied der Confession, heilig ist. Wenn heim Abendmahle der Wein gespendet wurde, musste er unwillkürlich an das Wort Christi denken: 0״, möchte doch Herzoges Realeneyclopädie für prot. Theologie, 2. AufL, Bd. XIV, S. 503. 2) RitschT, Geschichte des Pietismus, Bd. II, Bonn 1884, S. 139. 3) Heppe, Geschichte des Pietismus, Leiden 1879, S.. 6.