Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 6)
- Language
- German
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Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt. 183 Spaeth hätte mit seiner Lage zufrieden sein können, wenn ihm nicht immer mehr zum Bewusstsein gekommen wäre, in welch trauriger Verfassung sich die Kirche befand, der er sich voller Begeisterung angeschlossen hatte. ״Fähige Beobachter des kirchlich-sittlichen Zustandes unseres Yaterlandes im letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts kommen darin tiberein, dass das religiöse Leben, soweit es aus dem herrschenden Kirchenthum seine Nahrung zog, aller erwärmenden Kraft beraubt warcc 1). Die lutherische Theologie war in Scholasticismus entartet, welcher Fragen wie: ob auch abortive Geburten einst auferstehen? oder: ob auch ein Tropfen vom Blute Jesu zur Erlösung der Welt hingereicht hätte? ernsthaft, mit grossem Aufwand von Scharfsinn und Gelehrsamkeit erörterte* 2). Dabei benutzten die Theologen, fest überzeugt, dass sie allein im Besitz des seligmachenden Glaubens seien, die Kanzel dazu, um Andersgläubige zu verketzern. Der Prediger Heinzeimann rief einmal (1657) in der Klosterkirche zu Berlin mit Emphase aus: ״Wer nicht lutherisch ist, ist verflucht!“ und in Königsberg i. Pr. versagten die lutherischen Eiferer dem Pastor Behm, nachdem sie ihn zu Tode geärgert hatten, ein christliches Begräbniss, weil er des ״Synkretismus“3) verdächtig war4 5). Die praktisch-religiösen Bedürfnisse des "Volkes dagegen wurden, obwohl in Eolge des dreissigjährigen Krieges die grösste Sittenlosigkeit ein gerissen war, so wenig berücksichtigt, dass die Geistlichen zufrieden waren, wenn die Leute nur in die Kirche kamen und das rechtgläubige Glauben sbekenntniss hersagten0). Spener jammerte dieser Zustand der Kirche. Schon als Student hatte er die Besorgniss ausgesprochen, dass die Orthodoxie einst in Scepticismus und Atheismus Umschlägen möchte 6), und in die einflussreiche Stelle zu Erankfurt berufen, war er fest entschlossen, alles zu thun, was in seinen Kräften stand, um der Kirche aufzuhelfen. Von biederem und vertrauenerweckendem Charakter, aufopfernd für Ereunde, milde und 1) Bart hold im historischen Taschenbuch, 1852, S. 132. 2) Frank, Geschichte der protest. Theologie, Bd. II, Leipzig, 1865, S. 24. 35. 3) Unter Syncretismus verstand man die auf Vereinigung der ver״ schiedenen christlichen Kirchen gerichteten Bestrebungen. 4) Hettner, Litteraturgeschichte des 18. Jahrhunderts, III, l2. Braunschweig 1872. S. 21. 5) Biedermann, Deutschland im 18. Jahrhundert, II, l2. Leipzig 1880. S. 309. 6) Theologische Bedenken, III, 451.