Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 3)
- Language
- German
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180 Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts erregte es nicht geringes Aufsehen, als Johann Peter SpaethJ), ©in Mann, welcher eine gelehrte Bildung genossen hatte und yieifach schriftstellerisch thätig war, in Amsterdam zum Judenthum übertrat und den Namen Moses Germanus annahm. lieber das Leben dieses merkwürdigen Mannes sind wir hinlänglich unterrichtet. Seine eigenen Schriften sowohl, wie die Berichte von Zeitgenossen, welche zum Theil in persönlichen Beziehungen zu ihm standen, gewähren uns die Möglichkeit, seinen äusseren Lebensgang sowie die Entwickelung seiner Denk־־ und Sinnesweise zu verfolgen. Letztere wird natürlich erst verständlich, wenn wir sie im Zusammenhänge mit dem wissenschaftlichen und religiösen Leben, der Zeit betrachten. J. P. Spaeth wurde in den dreissiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts zu Wien von katholischen Eltern geboren. Sein Yater, ein Schuhmacher, siedelte wegen der Kriegsunruhen — wohl zu der Zeit, als der kühne Torstenson Oesterreich brandschatzte (zwischen 1642 und 1645) — mit seiner Familie nach Augsburg über. Hier besuchte Johann Peter die Jesuitenschule und lernte, was man bei den Jesuiten zu lernen pflegte: viel Eeligion und Latein, wenig Griechisch und gar kein Deutsch. Die Muttersprache war kein Unterrichtsgegenstand 1 2), und daher ist es nicht zu verwundern, dass sein deutscher Stil stets unbeholfen und schwer verständlich geblieben ist. Wegen Armuth der Eltern musste er frühzeitig daran denken, sich selber sein Brot zu verdienen. Er ertheilte Privatunterricht und ist Zeit seines Lebens Privatlehrer geblieben. Später versuchte er wohl, sich durch theologische Studien für ein Predigtamt vorzubereiten, aber religiöse Scrupel, die ihn fortwährend plagten, Hessen es zu keiner Stetigkeit darin kommen. Augsburg war damals, trotz aller Verfolgungen von Seiten der Katholiken, noch immer eine vorwiegend protestantische Staat3). Spaeth scheint aber anfänglich nur mit Katholiken verkehrt zu haben. Den Protestantismus lernte er näher kennen, als er einen kleinen Italiener, welcher bei 1) Dies ist die richtige Form des Namens, nicht. Speeth, wie man gewöhnlich schreibt: Schudt, Jüdische Merkwürdigkeiten IV. 1. S. 198. 2) Die Muttersprache wurde bei den Jesuiten erst seit 1703 Gegenstand des Unterrichts: K. A. Schmid, Encyklopädie des gesammten Er* ziehungs- und Unterrichtswesens, Bd. III, Gotha 1862, S. 765. 3) Die Volkszählung vcn 1635 ergab 16432 Profestanten und 4415 Katholiken: Wagenseil, Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. III, Augsbürg 1821, S. 108.