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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1894-01-01 · Heft 2 · p. Seite 72

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
39 (1894-1895)
Issue
Heft 2
Article
Zur Erklärung zweier Mischnastellen
Date
1894-01-01
Page
Seite 72 (sequence 10)
Language
German
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72 Zur Erklärung zweier Misclmastellen. Nicht wenig mochte dazu beigetragen haben die antinomistische Richtung dea Gnosticismus, besonders die der Carpocratischen Schule, in der die sinnliche Ausschweifung und insbesondere auch blutschänderische Unzucht glorcificirt und zum Princip erhoben war 1). Man gab sich öffentlich schäm־ losen Orgien hin, und in den Weinhäusern wurden bei den Trinkgelagen Stellen aus dem Hohenliede in frivoler Weise zu Gesangsvorträgen benutzt2). Yon diesem schleichenden Gift, welches zerstörend in den Yolksorganismus eingedrungen war, scheinen auch die Gelehrtenkreise und ganz besonders die studirende Jugend nicht ganz freigeblieben zu sein3). Es gab unter diesen Viele, die sich nicht scheuten, ihre geheimen wollüstigen Neigungen sogar in die geweihten Räume des Lehrhauses hineinzutragen4). Unter solchen Umständen mochte bei der öffentlichen Erörterung so heikler, und die Phantasie erregender casuistiseher Fragen, wie die der עריות allerdings eine ist, eine"gewisse Yor־ sicht als geboten erscheinen. Lag doch auch die Befürchtung nahe, dass unter der Menge der Zuhörer sich auch solche befinden könnten, welche die besonders in der Schule R. Akiba’s üblichen, oft gewagten Ableitungen von Verboten aus der *) Siehe darüber Renan, Histoire des origines du Christianisme B. YI, p. 179 f; vgl. Matter, Histoire critique du Gnosticisme (Strassbürg 1844), B. I, S. 30 f. B. II, S. 199 f. u. B. III, S. 82 f. 2) Tos. Sanhedr. X1I, 10: ר׳ עקיבא אומר המנענע קולו בשיר השירים בבית המשתאות ועושה אותו כמין זמר אין לו חלק לעוה״ב, vgl. b. Sanh. 101 a. Dieser Missbrauch, der mit dem Hohenliede getrieben wurde, veranlasste wohl auch R. Akiba, dasselbe für hochheilig zu erklären, שכל הסברים קודש דשה״ש קודש קדשים (Mischna Jadajim 111, 5). 3) Elischa b. Abuja wird wohl unter den Schriftgelehrten jener Zeit, wenn auch der Berühmteste, so doch nicht der Einzige gewesen sein, den die gnostischen Theorieen zu einem zügellosen Lehen verleiteten (b. Chagiga 15h, vergl. Graetz, Gnosticismus und Judenthum, S. 65f). Dass namentlich unter der studirenden Jugend Mehrere von dem Sinnentaumel ergriffen wurden, beweist der Bericht (Midrasch Kohelet, c. 85), über den in eine zuchtlose Gesellschaft geratlienen Schüler R. Jonathan und die schamlose Antwort, welche dieser auf seine Zurechtweisung von den jungen Leuten erhielt. 4) Das ganze traurige Bild, welches R. Elieser (Mischna Sota IX, 15) von den ,״damaligen Zuständen entwirft und die Vergleichung desselben mit den angeführten Klagen über die herrschende Zuchtlosigkeit, legen die Vermuthung nahe, dass auch die Worte בית הועד יהיה לזנות (das.) sich auf zeitgenössische Verhältnisse beziehen. בעקבות משיחא ist demgemäss vielleicht eine ironische Anspielung auf das junge Christenthum. Die unter den Jüngern überhandnehmende Sittenverderbniss mochte auch schon R. Gamliel II. dazu״veranlasst haben, bei der Zulassung derselben zum Lebrbause eine strenge Controlle zu üben (b. Berach. 28a).

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