Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Erklärung zweier Mischnastellen
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 5)
- Language
- German
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Zur Erklärung zweier Mischnastellen. 67 einen sagenhaften Charakter an sich trägt, so verdankt sie doch offenbar ihre Entstehung einem thatsächlichen Bedürfniss der Vertheidigung gegen Vorwürfe, die man von feindlicher Seite wohl öfters zu hören bekam. Wenn endlich auf die Brüder Josephs der Psalmvers ובוצע ברך נאץ ד (Ps. 10, 3) in der Weise angewendet wird, dass derjenige, der sich über sie lobend äussert, als Gotteslästerer zu betrachten sei1), so liegt darin unzweifelhaft eine Missbilligung der Rechtfertigungsversuche, die von Einigen gegenüber den diesbezüglichen gegnerischen Anklagen gemacht worden sein mochten. Eine spätere Sage, die aber vielleicht im Wesentlichen in die talmudische Zeit zurückreicht, lässt bekanntlich sogar den Kaiser Hadrian sein über die zehn Märtyrer gefälltes Todesurtheil mit jener ungesühnten Schuld ihrer Ahnen und mit dem Hinweis auf die im jüdischen Gesetze dafür festgesetzte Strafe begründen 2). Aus dem Gesagten geht jedenfalls soviel mit Sicherheit hervor, dass die von uns angeführten Stellen mindestens ebenso sehr wie die Berichte über die Verletzungen der Ehe- und Keuschheitsgesetze zu verunglimpfenden Angriffen gegen die Ahnen Israels missbraucht werden konnten und auch wirklich missbraucht wurden. Wenn also R. Akiba oder irgend ein anderer Mischnahlehrer dieser Gefahr gegenüber die Unterdrückung der compromittirenden Stellen in Synagoge und Lehrhaus für ein geeignetes Auskunftsmittel gehalten hätte, so wäre es nur logisch gewesen, diese Massregel auch auf Gen. 28 ,37;19 ,27׳ und Exocl. 12, 35 auszudehnen, wovon aber nirgends auch nur die leiseste Spur zu entdecken ist. Doch Herr Büchler (S. 113f; 116) führt zur Unterstützung seiner These drei Stellen aus der 1) b. Sanh. 6b. Vergl. Tos. Sanh. 1, 3 und Jerusch, das. I, 1, ed. Krotoschin, S. 18 b oben. 2) Midr. Eie eskera in Jellineks Beth hamidr. II, 64 f. IV, 19 f. und 31 f. Vergl. Becanati zu וישב und Bachja b. Ascher zu Ex. 21, 16. Anklänge an diese Sage finden sieb schon in der älteren Midrasch- Litteratur. (Vergl. Ber. r., c. 84. כתיב הי ימצא איש גונב נפש מאחיו ואתם מוכרים את אחיכם). In der Sage lässt bekanntlich Hadrian vor die zehn Märtyrer einen mit Schuhen gefällten Korb hinstellten und auf diesen deutend, wirft er ihnen vor, dass ihre Ahnen Joseph für ein Paar Schuhe verkauft hätten. Nun findet sich dieser Handel mit den Schuhen schon im Pseudo-Jonathan erwähnt. Zu G-en. 37, 28 heisst es daselbst: וזכינו ית יוסף לערבאין בעשרי! מעין דכסף וו ב נו מ כדון סנדלי ן. Ebenso im Jaikut z. st.: כל אחד ואחד מהם נטל שני כספים לקנות מנעלים לרגליהם שנאמר על מכרם ככסף צדיק ואביון בעבור נעלים. Der Hinweis auf Amos 2, 6 beweist zur Genüge, dass man schon in sehr früher Zeit das Unglück Israels mit dem Verschulden der Söhne Jakob’s gegen Joseph in Verbindung brachte.