Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 38 (1893-1894)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das allmähliche Überhandnehmen der matres lectionis im Bibeltexte
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
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Ueberhandnehmen der matres lectionis im Bibeltexte. 119 Dass aber auch noch in der nachtalmudischen Zeit dieser Process der allmählichen Zunahme der Vocalbuchstaben fortdauerte, beweisen neben anderen Indicien, deren Erörterung uns weit führen würde, die oben erwähnten Yarr. aus dem rabbin. Schriftthum. Bekanntlich besteht aber ein rabbinisches Verbot, die Plena defective und die Defectiva, plene zu schreiben. Ja es wird dies als der grösste Makel (פסול) eines Thoraexemplars angesehen, wenn bei dessen Schreibung dieses Verbot nicht beachtet wurde1). Es drängt sich nun die Frage von selbst auf: wie konnte überhaupt nur ein Buchstabe mehr in den Text hineingetragen werden, wenn der blossen Möglichkeit, einen solchen Fehler zu begehen, durch das genannte Verbot ein Biegel vorgeschoben wurde? Dies Bedenken muss sich noch steigern, wenn in Betracht gezogen wird, dass den Oopisten schon sehr früh die grösste Vorsicht und Aengstlichkeit beim Abschreiben der heiligen Bücher gleichsam zur Pflicht gemacht wurde. So z. B. wird im Talmud2) erzählt, dass ß. Ismael zu ß. Meir, welcher seinem Berufe nach Uopist war, gesagt hätte: Sei vorsichtig in deiner Arbeit, denn sie ist eine göttliche Arbeit; du würdest, wenn du einen Buchstaben zu wenig oder einen Buchstaben zu viel schriebest, die ganze Weltordnung zerstören3). Mit welcher Aengstlichkeit man seit jeher über den Text gewacht hat, beweist eine alte Ueberlieferung der Babbinen, 1) In der Einleitung Norzis zu seinem massorethischen Bibelcommentar, ed. Jellinek (Wien 1876), Seite 9 letzte Zeile, heisst es: וידוע שאין לנו בס״ת פסול גדול מחסיר או יתיר d. h. 5)es ist bekannt, dass wir an einer Thorarolle keinen grösseren Makel finden könnten, als wenn in derselben ein Buchstabe weniger, oder ein Buchstabe mehr geschrieben ist;“ Norzi spricht da vorwiegend von den Defectivis und Plenis. Derselbe führt da weiter (S. 10 und 11) Aussprüche aus den Tikkune ha־Sohar und des Nachmanides an, dass eine Thorarolle, in welcher ein plene sein sollendes Wort defectiv geschrieben ist, oder umgekehrt ein defectiv sein sollendes Wort plene geschrieben ist, für den Gebrauch bei den gottesdienstlichen Vorlesungen nicht verwendet werden dürfe. Die Aeusserung des Nachmanides findet sich in der Einleitung zu seinem Pentateuch- Commentar (S. 29 der Ed. Wilna 1886). 2) Erubin 13 a. 3) Die Stelle lautet: הוי זהיר במלאכתך שמלאכתך מלאכת שמים היא שאם אתה מהמר אות אחת או מיתר אות אחת נמצא אתר, מחריב כל העולם. Dieselbe Stelle kommt mit unwesentlichen Abweichungen auch in b. Sota 20a vor. Vgl. noch Lev. rabba, sect. 19,2 (S. 51b ed. Wilna 1887), Chasitha zu Hohel. 5,11 (S. 61a)u. Tanchuma, Bereschith, Anfang (S. 11 der Ed. Stettin 1864), wo ähnliche Ermahnungen betreffs genauer und sorgfältiger Anfertigung von Abschriften der heil. Schrift Vorkommen.