Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Über die Ursprünge und Grundformen der synagogalen Liturgie
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
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492 Ursprünge und Grundformen der synagogalen Liturgie. schüttelt, weil solche Zusammenhänge nur vorläufig geahnt, nicht bereits erwiesen werden können, zurück zur nüchternen Erforschung des Thatsäehlichen. Eine unmittelbare Beziehung auf die Trauer des Leidtragenden enthält das Kaddisch-Gebet auch in dem Ausdruck ונחמתא — trotz Kapoport und Zunz — nicht. Nur die um Zion’s hingegangene Grösse Trauernden sollten in den messiairischen Propheten ab schnitten ihre נחמות — Trost verheissenden Worte, die Erlöserhoffnung, finden. Siehe D. Oppenheim, in Koback’s Jeschurun, 1864, S. 57—68, und meine davon unabhängigen Bemerkungen in Kohut’s Aruch, Appendix, S. 59. Diese prophetischen Vorlesungen, auch schon von Juda Makkabi, II. Makk. 15, 9, als ״Tröstungen“ verkündet, bildeten die Haphthara oder den Höhepunkt des Gottesdienstes, der mit ברכתא שירתא תושבחתא ein geleitet worden, an den sich die Doxologie oder eigentlich das Gebet um die Ankunft des verheissenen Himmelreichs im Kaddisch schliesslich knüpfte. Was nun ist die Grundform des Kaddisch? Wir besitzen die Formel aramäisch: להוא שמה יי אלי,א מברך in Daniel II, 20, und in I. Chrom 16, 86, in Psalm 106, 48 und Nehein. 9, 5 hebräisch: ברוך י״י אלדד ישראל מן העולם ועד העולם, an letzterer Stelle auch die hebräische Form ומרומם על כל ברכה ותהלה, dem לעילא מן כל ברכתא entsprechend. Allein die doxologische Formel mit ihrem Wortschwall erklärt den Inhalt nicht. Dieser liegt in den Anfangs- und Schlussworten: ״Geheiligt und erhoben sei Sein heiliger Name in der Welt, die er nach Seinem Wohlgefallen geschahen hat! Sein Reich bringe Er herbei als König in Bälde und in naher Zeit in unseren Tagen! Grosser Friede komme über uns vom Himmel d. h. von Gott[u Ein solches Kaddisch hört bereits Henoch im 61. Kapitel von den Auserwählten an jenem Tage des eingetroffenen Himmelreichs an stimmen, und alle Heere und Mächte des Himmels und der Erde wie des Meeres stimmen ein in den Ruf: ״Preis dem Namen des Herrn der Geister von Ewigkeit zu Ewigkeit 1“ Der Nachdruck liegt also immer auf den Worten: ״das kommende Himmelreich41. Das neutestamentliche ״Vater Unser“ ist also ^tatsächlich ein altessenisches Kaddischgebet mit gewissen Zusätzen. So kehrt denn auch das Kaddisch in vielerlei Formen im jüdischen Ritual wieder. Das על הכל יתגדל (s. Mass. Soferim 14, 12 bei Müller) bietet eine, das על בן נקוה לך in dem, gleich letzterem, recht alten, d. h. vortalmudischen Alenu-Gebet eine andere, und die Schlusssätze