Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Über die Ursprünge und Grundformen der synagogalen Liturgie
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 442 (sequence 2)
- Language
- German
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442 Ursprünge und Grundformen der synagogadcn Lifcurgiä. kennt den Bestand eines solchen in seiner Nähe. Auch der Verfasser des schönen salomonischen "Weihgebetes (I. Könige 8, 30ff.) weiss, dass man mit einem nach Jerusalem hingewandten Gesicht auch auf fremdem Boden zum Heiligen Israels beten kann, wie das ja auch Daniel thut (6, 11). Im Exil hat Israel eigentlich erst beten gelernt. Bis dahin hatte man nur im Opferrauch (— daher העתיר beten —) und mit Opfergelübde dem unnahbar Heiligen sich zu nähern gewagt. Nur Priester und Propheten legten Fürbitte für Volk und Einzelne ein. (Vgl. I. Sam. 1, 10; 2, 25; 12, 19; Genes. 20, 7 etc.). Nur beim Opfer auf geweihter Stätte durfte man den Namen Gottes ausrufen (Siehe II. Könige 6, 17). Nun aber galt es — und dieser Punkt darf in der religiösen Entwickelung nicht übersehen werden! 1— für die priesterliche Opferweihe und den heiligen Ort einen Ersatz im ״unreinen Lande11 zu finden. Es ist recht charakteristisch, dass von der uralten babylonischen Synagoge zu Shafjathib die Tradition behauptete, dass König Jechonia aus heiliger Erde und Quadern aus Palästina sie habe errichten lassen, und darum habe die Schechina wirklich dort bis in die späteste Zeit geruht, trotz (— oder gar wegen? —) des persischen Bildes der Königsmajestät, [das vielleicht bloss den schützenden Himmelskönig nach persisch-chaldäischen Muster darstellen sollte. Siehe z. B. Ahuramazda bei Justi, S. 69]. (S. Rosen Haschana 24b, Megilla 29a und Easchrs Kommentar). Trotz Loew’s apodictischer Inabredestellung ist es doch unleugbare ThatSache, dass die Gebete und Gebethäuser am Wasser ihre Stätte fanden, gerade wie Ezechiel und die Trauernden Babels an Wasserbächen zur geistigen Sammlung sich niedergelassen haben. Das wird ausser allen Zweifel gesetzt durch das Haliearnassische Judendecret bei Josephus Aiterth. 14, 10, 23, wonach es ״väterliche Sitte war, am Meere zu beten“ und dazu vergleiche Aristeas (Schmidt 07, Judith 12, 7). Und gerade dass man unter dem ״Brunnen auf dem Felde“ in Jakob’s Geschichte die Synagoge angedeutet fand, hätte Loew bestimmen sollen, an die am Wasser, der nöthigen Waschungen halber, errichtete Gebetstätte vorzugsweise zu denken. In der That äussert sich Philo, wie der Midrasch zu Exod. 9, 29, dass man ausserhalb der von Unreinheit der Götzen erfüllten Stadt gehen müsse, um zu beten. Nun aber hat das Wasser in der ganzen orientalischen Anschauung beb den Heiligen am Ganges wie am Chaboras und Euphrat, nicht bloss eine reinigende, sondern eine positive Weihekraft. Es