Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Neutestamentliche Studien
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 11)
- Language
- German
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Neutestamen־׳Wiche Studien. 355 Entwickelungsgeschichte unberücksichtigt lassend, das Vergangene in dem Neuen ־wieder aufleben zu lassen oder als erfüllt darzustellen sich bemühte. Aber dieses Yerfahren konnte in weiteren Kreisen des jüdischen Volkes so wenig Verständniss finden, so wenig es heutzutage der Versuch finden würde, zu behaupten, dass das aus ganz eigenartigen Ursachen und unter eigenartigen Umständen entstandene neue deutsche Kaiserthum Y0n dem Karhs d. Gr. mehr als den Titel herübergenommen habe. Man betrachte nur, welche gewaltigen Umwälzungen seit Esra, der nicht mit Unrecht der Neubegründer der Thora genannt wird (Succa 20a), innerhalb des Judenthums Yorgegangen waren. Von einer Erstarrung, welche g'ewohnlich von den Darstellern der neutes tarn entliehen Zeitgeschiehte dem Judenthum dieses Zeitalters beigelegt wird, ist da nichts zu merken. Nur darf man sich bei dieser Betrachtung nicht auf den einseitigen Standpunkt der Synopse stellen, welche sich bemüht, das Judenthum als Yerknöchert, vertrocknet und unter der ״Last des Gesetzes“ zusammenbrechend erscheinen zu lassen. Uebertreibungen und Ausartungen, die in allzu scharfer Betonung von Aensserlichkeiten hervortraten, fehlte es nicht an Tadlern (vgl. Joma 23a). Im Uebrigen zeigt das Judenthum seit Esra grosse Frische, Heiterkeit und Entwickelungsfähigkeit. Alte Feiertage erschienen in neuem Gewände, wie der des 1. Tischri, der von jetzt an Roscli ha-Schanah heisst, welchen Namen die Schrift nicht kennt, neue, wie Chanuka, wurden eingesetzt, fröhliche Festlichkeiten, wie die Wasserlibationen am Hüttenfeste und die mit dem Versöhnungstage, sowie mit dem 15. Ab verknüpften Lieb es Werbungen von Jünglingen und Jungfrauen aller Stände (Taanit, Ende), geben alten Institutionen ein neues Gepräge. Andererseits kamen neben dem Hohenpriesterthum neue Würden auf, wie die des Nasi und Ab-bet-din (Ghagig. 11, 2), die Lehre wurde Gemeingut weitester Kreise, Schulen und Synagogen wurden überall errichtet, die Justiz erfuhr einen grossartigen Ausbau und mitten in der heidnischen ״Götter-Dämmerung“ zeigte sich das jüdische Volk allein von idealen Impulsen bewegt und setzte Gut und Blut für den einzigen Gott und seine Anbetung ein. Kein verknöchertes Volk kämpft so für seine Ideale. Wem aber war diese Verjüngung, die Erhaltung der Schrift unter veränderten Verhältnissen zu danken? Dem Rabbinismus, der sie eben vor Verknöcherung und Erstarrung bewahrte. Wenn H. Holtzmaun (S. 12), wie schon erwähnt wurde, behauptet, dass dem 4. Evangelisten ünkenntniss der