Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Neutestamentliche Studien
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 10)
- Language
- German
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354 Neutestamentliche Studien. da kommen soll“, dass er Dämonen und Satan besiege“. R. Chanina hatte gegenüber dem Hexen- und Dämonen spuk die eine schlagende Antwort: ״Es steht geschrieben: es giebt keinen ausser ihm“ (Svnhedr, 67b zu Deuter. 4,35). Der 4. Evangelist kannte sein Publikum besser, als seine Ausleger, deshalb stellt er keine Genealogie auf, deshalb sagt er nichts von der jungfräulichen Geburt, nichts von der Versuchung durch den Satan, nichts von Dämonenaustreibung u. dgl., und dieses Schweigen hat seinen Grund nicht etwa darin, dass er das von den Synoptikern Berichtete nicht noch einmal wiederholen will, denn auch der spätere unter den Synoptikern hat sich durch seinen Vorgänger nicht von der Erzählung dieser Dinge dispensieren lassen, sondern es beruht auf der genauen Kenntniss des Lesepublikums, das er im Auge hatte, und welches durch derartige .Mittheilungen, wie er wusste, nicht zu überzeugen war. Der 4. Evangelist ist ein Purist, und seine Darstellung ist in gewissem Sinne ebenso gegen die Synopse, wie gegen das Judenthum gerichtet. Seine, wenn ich so sagen darf, schriftstellerische Taktik liegt in dem Bestreben, Jesus, wie man richtig bemer-kt bat, sich selbst darstellen, ihn durch seine Reden und Leistungen wirken zu lassen. Diese Art der Darstellung war es, welche in der neutestamentlichen Zeit, wie sie demjenigen erscheint, der sie nicht bloss mittelst der Evangelien und des doch nur in der Peripherie des Judenthums liegenden hellenistischen Materials construiert, sondern die talmudisch־midraschische Literatur kritisch dabei zu Käthe zieht, einzig und allein Erfolg verheissen konnte. Aus derselben Ursache erklärt sich auch das andere Darstellungsprinzip, welches der 4. Evangelist augenscheinlich beobachtet hat, nämlich die Rücksichtnahme auf den Rabbinismus. Die Synoptiker haben es nur mit der ,,Schrift“ zuthun, alle ihre ״Erfüllungen“ führen sie darauf zurück, und sie beweisen eben hierdurch, wie bereits bemerkt wurde, dass sie nicht im Mittelpunkte des jüdischen Lebens standen, sondern aus einer eigenen Welt und Anschauung heraus schrieben. Denn das AT behauptete in der neutestamentlichen Zeit längst nicht mehr, wenn ich so sagen darf, die Alleinherrschaft im jüdischen Volke, auf der Grundlage und im Geiste desselben hatte sich der Rabbinismus entwickelt, welcher das richtunggebende Prinzip für alle Verhältnisse bildete. Deshalb kann man die fortwährenden Verweisungen der Synoptiker auf das AT einen Anachronismus nennen, der eine, jahrhundertelange