Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Neutestamentliche Studien
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 351 (sequence 7)
- Language
- German
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Neutestamentliehe Studien. 351־ dass sie historische Dignität nicht beanspruchen dürfen. Man begeht aber in der Regel den Fehler, alle diese Stellen, welche auf einen Zeitraum von vier bis fünf Jahrhunderten sich vertheilen, über einen Kamm zu scheeren, und sie so zu beurtheilen, als wenn sie einer und derselben Zeit angehören würden. Dies geschieht in noch grösserem Umfange mit den messianischen Stellen im Talmud, welche in einer wissenschaftlich ganz unzulässigen Weise verwerthet zu werden pflegen. So hat z. B. Edersheim (The life and times of Jesus the Messiah, II,'S. 170) mehr als 558 Citate von Bibelstellen zusammengelesen, welche in den Targumim, den beiden Talmüden und den ältesten Midraschim auf den Messias bezogen werden, aber ohne eine Sichtung dieser Auslegungen nach der Zeit ihrer Entstehung und nach ihrem Inhalte vorzudehmen. Darauf, sowie auf den anderen, ohne Wahl und Kritik veranstalteten Stellensammlungen von Schöttgen an bis auf Weber, Wünsche lind Hamburger hat Bäldensperger (Das Selbstbewusstsein Jesu im Lichte der messianischen Hoffnungen seiner Zeit, S. 52 u. 53) die These aufgebaut, dass das Judenthum dem ,,religiösen Bankerott“, den es zu machen im Begriffe stand, gerade noch durch das ״jetzige Wie derer wachen der messianischen Hoffnungen“ zuvorzukommen suchte. Dieses undAehnliches sind Behauptungen, die in einer christlichen Religionslehre Platz finden mögen, in eine christliche Religionsgeschichte gehören sie nicht. Wenn man eine wissenschaftliche Sichtung der messianischen Stellen im Talmud, Midrasch 11. s. w. vornehmen wollte, so würde sich ergeben, dass der eifrigere Anbau derartiger Auslegungen verhältnissmässig spät, mit dem zunehmenden Drucke, begonnen habe, theilweise auch durch den anwachsenden Einfluss des Christenthums veranlasst wurde, und es scheint sogar, dass man diesen übertriebenen Messiaskultus als etwas dem Judenthume Fremdartiges bekämpfte, nicht bloss mit Anssprüchen, welche die Berechnung der Ankunft des Messias verdammten, z. B. Derech Erez., c. 11 ״Wer das Ende angiebt, verliert seine Seligkeit“, oder Synhedr. 97 b ,,Die Seele soll denen, die das Ende berechnen, ausgeblasen werden“, sondern auch durch anderweite Aeusserungen, wie sie übereinstimmend von mehreren Gelehrten berichtet werden: ״Der Messias mag kommen, aber ich will ihn [wegen der mit seiner Ankunft verknüpften Leidenszeit] nicht sehen“ (das. 98b), oder die schon erwähnte Aeusserimg des Rabbi. Hillel (das. und 99a): ״Israel hat keinen Messias mehr zu erwarten, denn man hat