Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Neutestamentliche Studien
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 349 (sequence 5)
- Language
- German
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Neutestamentliche Studien. 349 der damaligen allgemeinen Zeitstimmung zu betrachten, welche Geschichtsauffassung aber einem yaticinium ex eventu gleicht, cla sie vielmehr die Stimmung eines hieinen 'Kreises., der erst nachmals zu einem grossen sich erweitert hat, reflectieren. Richtig bemerkt deshalb Schenkel, dass sich nur das ״kleine Häuflein der ,,Armen und Geringen“ (Luk. 6, 20), der ״Mühseligen und Beladenen“ (Matth. II, 28 ff.) Vorzugsweise mit dem Messias beschäftigte, aber dass er ״eine bestimmte fertige Gestalt auch in diesem nicht angenommen hatte“ (Bibellexikon, Art. Messias, g. Ende). Wenn auch ohne Frage eine endliche Herrschaft des Gottesreiches, wovon schon die Propheten schwärmen, überall und immer im Juclenthume erhofft wurde, und wenngleich man diesen im Wesen des letzteren begründeten Gedanken mit einem persönlichen Messias und dessen Vorläufer verband, so kann doch davon, dass dieser Gedanke in der neutestamentlichen Zeit mehr als zu einer anderen betont worden sei, und dass, wie auch Graetz (Gesck. d. J., III4, S. 272) behauptet, damals eine ״messianische Spannung“ obgewaltet habe, nicht die Rede sein. Man beruft sich auf einige hellenistische Schriften, in denen man Spuren dieser Spannung finden will. Aber wo bleibt denn das eigentlieh jüdische Schriftrkum, worin von jeher die freudigen und schmerzlichen Empfindungen der Besten des Volkes ihren Ausdruck gefunden haben? Die ״Sprüche der Väter“ umfassen einen Zeitraum vom dritten Jahrhundert vor bis in’s zweite Jahrhundert nach Ohr., aber vom Messias ist darin nicht mit einem Worte die Rede. Wäre dies denkbar, wenn in der, neutestamentlichen Zeit das jüdische Volk plötzlich von einem Messias-Taumel ergriffen gewesen wäre? Alsdann hätten doch Anzeichen davon sowohl in dem angeführten■Theile der Mischna, wie in anderen Th eilen derselben sich vorfinden müssen, aber der Messias und Elijahu werden in der Mischna nur nebenher (Beracli. I, 5. Eduj. Ende), oder als allgemeiner Ausdruck zur Bezeichnung der letzten Dinge (Sota Ende, vgl. übrigens weiter) erwähnt. Dass unter den Differenzen der Pharisäer und Sadducäer die Messiasfrage nicht vorkommt, sowie dass in der jedenfalls der neutestamentlichen Zeit angehörenden Mischna Synhedr. X, 1 neben den grundstürzenden, mit dem Verlust der ewigen Seligkeit bedrohten Irrlehren die Leugnung des Messias nicht angeführt erscheint, spricht doch auch nicht dafür, dass der letztere im Vordergründe des religiösen Interesses gestanden habe. Endlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass in den ältesten Gebeten (Achtzehngebet, Tekiata