Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Schiur Komah
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 14)
- Language
- German
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226 Das Schiur Komah. Reiz auf das Volk ausübten. Wie schon oben bemerkt worden ist, hat sich auch dieser Theil der ketzerischen Litteratur, trotz Kirche und Bann, erhalten. In älterer Zeit ist der verpönte Ursprung dieser Litteratur noch bekannt gewesen, und geistliche Würdenträger, Bischöfe und Schriftsteller, Ooncilien und Päpste wetteiferten in Verdammung und Yemrtheilung derselben. Die ältesten In di cos der verbotenen Bücher bestehen fast nur aus Listen von solchen Legenden und Sagen, die sich freilich trotz alledem erhalten haben. Wenn Bischof Agobard im 9. Jahrhundert (829) ־wirklich auf das Schiur Komah anspielen sollte,1) so könnte er die Kenntniss desselben entweder dieser Schrift selbst entnommen, oder, was mir wahrscheinlicher ist, einer der ketzerischen, verbotenen Schriften, in welcher sich ein Beflex des Schiur Komah befand, und deren Abfassung er den Juden zuschrieb. Thatsächlich findet sich nun das Schiur Komah in einer angelsächsischen Schrift, deren Abfassung in das VIII. Jahrhundert verlegt wird. Die ES. selbst ist jedenfalls nicht jünger als das XI. Jahrhundert. Diese HS. gehört der Classe der Lucidarien an. In Präge und Antwort wird Unterricht ertheilt über alles Wissensvverthe. Der Dialog wild dazu verwerthet, um in dieser populären Form alle möglichen x411schanungen und Ideen unter das Volk zu verbreiten. Dogmatische, biblische, geschichtliche und naturwissenschaftliche Fragen bilden den Inhalt dieser im Mittelalter äusserst beliebten Schriften. 2) In der griechischen, slavischen und angelsächsischen Litteratur hat sich der ursprüngliche Inhalt, in den meisten Fällen, am besten erhalten. Sie repräsentieren noch die älteste Form und sind daher für die Culturgeschichte die wichtigsten. Biblische Sagen und Legenden, die direct auf haeretische, und in letzter Instanz auf jüdische, Quellen zurückgehen, sowie die sonderbarsten Anschaumigen über Gott und Welt sind darin anzutreffen. So findet sich denn auch in der angelsächsischen HS 3) ein solches Zwiegespräch, dessen wesentlicher Bestandtheil, vollkommen unserem Schiur Komah entspricht. Der Wichtigkeit wegen, welche dieser Text für unsere Frage hat, gehe ich die Stelle hier ausführlich in wortgetreuer Uebersetzung. 1-) s. Graetz, a. a. 0., S. 111. 2) vgl. das Zwiegespräch im Codex Nazaräus der Mandäer, I, cap. XIII. und das Fiölvinsmal in der Edda. 3) The dialogue of Salomon and Saturnus, ed. J. M* Kemble, London 1848, p. 145—153.