Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Das Schiur Komah
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Schiur Komah. 219 Theorie, die irgend welche Spuren zurückgelassen haben kann. Ich suche dieselben vielmehr in dem groben irdischen Niederschlag, in der Volkslitteratur im weitesten Sinne. Gerade in der Volkslitteratur, in den zahlreichen christlichen apokryphen Sagen und Legenden, in den Pseudo-Evangelien, Apostel-Qeschichten und Apokalypsen hat Lipsius mit besonderem Geschicke die Spuren einstiger gnostischer Thätigkeit aufgedeckt. So lässt sich auch der Einfluss des Manickäismus in der mittelalterlichen Volkslitteratur nachweisen. *) ln derselben Weise nun finde ich, auf diese Analogieen gestützt, gnostische Elemente in der mystischen Litteratur, die uns hier jetzt beschäftigt. Es ist schwer zu entscheiden, ־wie viel davon auf jüdischem Boden entstanden und nachher nur gnostisch umgedeutet wurde, und wie viel umgekehrt auf fremdem Boden entstanden und nachher eine Heimat im jüdischen Schriftthum gefunden hat. Eine Thatsache bleibt es jedenfalls, dass ein bedeutender Theil der Lehren der ältesten und wichtigsten Gnostiker von neueren Historikern, besonders von Ne an der, als judaisierende, d. h. als stark zum Judenthume sich hinneigende, charakterisiert worden sind. Die Abhängigkeit von jüdischer Weltanschauung und die Aufnahme jüdischer Ideen und Metaphern ist daher nicht unwahrscheinlich. Irenaeus gibt uns nun im ersten Buche seiner Schrift ״adversus haereses“ eine ziemlich umfangreiche, häufig nicht recht klare Darstellung der bedeutendsten gnostischen und haeretischen Systeme. Sollte ein Theil dieser Darstellung sich als dem verlorenen Syntagma des Justin angehörig, herausstellen, so hätten wir darin das Werk eines Zeitgenossen der bedeutendsten Häupter der Gnosis. Auf jeden Pall aber gehört Irenaeus Schrift spätestens dem Ende• des 2. Jahrhunderts an. Folglich bestand und blühten etwa 180 n. Chr. die Systeme, die er darin bekämpfte. Von diesen werden wir dasjenige System heraussuchen müssen, welches zeitlich, räumlich und inhaltlich unserer mystischen Litteratur am nächsten steht: nämlich ein judaisierendes System aus dem Anfänge des 2. Jahrhundertes, und wenn möglich ein solches, das auf Palästina^ Boden gross geworden ist. Am vollkommensten entspricht nun Valentin's Gnosis allen diesen Voraussetzungen. Der Stifter desselben wird sogar L) ,vgl. M. Gaster, Graeco-slav, Litexature, London 1887, 18 p. 15*