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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1893-01-01 · Heft 4 · p. Seite 157

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
37 (1892-1893)
Issue
Heft 4
Article
Neutestamentliche Studien
Date
1893-01-01
Page
Seite 157 (sequence 5)
Language
German
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Neutestamentliche Studien. 157 Ich werde mich mit diesem Vorgänge noch weiter unten zu beschäftigen haben, erachte es aber hier für nothwendig, noch einmal auf die Aeusserung Hillefs in Abot und die Ansicht Hilgenfeld’s zurückzukommen, dass der erstere durch die Forderung, die Geschöpfe zur Thora zu führen, der Menschenliebe eine ״Schranke“ gezogen habe, die erst von Jesus umgestossen worden sei. Die erwähnte Forderung ist an lind für sich harmlos genug, wenn sie aber ihre Harmlosigkeit in den Augen Hilgenfeld’s verliert, so rührt dies, wie ich annehmen zu dürfen glaube, von der herkömmlichen Auffassung der Thora als des ״Gesetzes“ her, mit welchem Begriff die Vorstellung einer ״Schranke‘1־ von jeher verbunden gewesen ist. Die Thora ist aber nicht Gesetz, sondern Lehre. Ich habe mich hierüber in der Einleitung zu meinen ״Quellenschritten“ (Berlin, A. Hofmann & Co., 1891) ausführlich, wenngleich noch lange nicht ausführlich genug, ausgesprochen und will hier nur darauf hinweisen, dass gerade auch durch die Ermahnung, womit Hillel die dem Heiden ertheilte Antwort abschliesst: ,,Gehe und lerne (יל גמור!)“ diese Auffassung bekräftigt wird. Dem Gesetze gegenüber ist nicht sowohl die Forderung, es zu lernen, als vielmehr die, es zu üben, am Platze. Eine fernere Bestätigung dieser Auffassung liegtauch in der talmudisciien Phrase תורה היא וללבוד אני צריך (Megilla 28a, Berach. 62 a), in welcher also die Thora als etwas hingestellt wird, das gelernt werden will.]) mit ihren! Am-ha-arezthum ein asketisches, sittenreines Lehen vereinigten. Man wird hiernach beurtheilen, in welchem Sinne das obige Zugeständnis, dass die Kenntnis8 der ganzen Thora das Anrecht auf den Chaber-Titel begründe, zu verstehen ist. *) Moritz Steinschneider sagt in der Besprechung meiner ,,Quellenschriften“ (Deutsche Literaturz. 1892, S, 027) von meiner über diesen Punkt daselbst gegebenen Ausführung: ,.Schon der Grundgedanke, welcher das hei den Juden vorherrschende Lernen von der Be- Zeichnung des Pentateuchs als ״Lehre“ ableite 11 will, ist Wortdeutelei.“ Wenn ich das gesagt hätte, was St. mir unterstellt, so wäre es nicht blos Wortdeutelei, sondern einfacher Unsinn. Was könnte denn eine blosse Bezeichnung, ein Buchtitel für die Geistesrichtung eines Volke! bewirken? Gerade das Entgegengesetzte führe ich aus. Weil bei den Juden das Lernen vorherrscht, darum wird der Pentateuch als Lehre bezeichnet. Die Thora, die ״Lehre“, konnte eben nur unter den Juden, zunächst im Volke Israel, aufkommen. ״War’ nicht das Auge sonnenhaft, könnt’ es die Sonne nicht erblicken.“ Der Midrasch drückt diesen. Gedanken in seiner Weise wiederholt aus, z. B. zu VBM 33,2. Natürlich übte dann die Thora, für deren Wesen und Namen der jüdische Volksgeist zuerst mit Ursache war, auf diesen dann wieder ihre nachhaltige W irkung.

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