Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 3)
- Language
- German
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102 Besprechungen. angeführten Worte ״Ehre Vater und Mutter‘*, nur hat Joel nicht nöthig gefunden, sie als Textesץvorte noch besonders kenntlich zu machen, zumal da dort thematische Predigten vorliegen, worin der Text lediglich zum Ausgangspunkte dienen darf und in der Predigt nicht weiter berücksichtigt zu werden braucht. Auch in Predigt XXXIV ist S. 258 der Text und zwar Koh. 9,14 nach der Auslegung des Midrasch, nur mehr latent, vertreten; es wäre für Joel ein Leichte3 gewesen, denselben als solchen hervortreten zu lassen, ohne dass die Predigt dabei verloren hätte. Doch dachte Joel überhaupt frei über den Text, ohne denselben an sich zu unterschätzen. Bei einer Unterhaltung über eine seiner Predigten, deren Gedankengang und Inhalt er mir in üblicher Weise nachträglich mittheilte, kamen wir auf die Beschaffenheit und Anwendung des Textes zu sprechen. J. meinte hei dieser Gelegenheit, es sei ein weit verbreiteter Irrthum, sich den Text einer Predigt immer nur als eineu einzelnen Bibelvers oder als das Ganze einiger verbundener Bibelverse zu denken. Er betrachtete auch eine von dem Prediger seihst gut befundene Zusammenstellung von Bibelstellen für ebenso geeignet; ja eine ganze grosse, wörtlich gar nicht vorzutragende Bibelstelle, worin eine Tliatsache berichtet oder ein Gedanke ausführlich dargelegt oder ein Gesetz angeordnet werde, kurz der biblische Stoff, von dem der Prediger ausgehe, könne als Ganzes den Text, d. h. den biblischen Untergrund für das Thema der Predigt bilden. — Dieser Meinung wird jeder Kundige zustimmen. Neben der!Formvollendung zeichnen sich diese Predigten von Joel durch ihren Inhalt aus, Ein ansehnlicher Theil derselben bespricht die Grundlehren des Judenthums und der Beligion überhaupt in einer so eindringlichen, zwingenden und überraschenden Weise, dass ein tiefer Eindruck auch hei Widerstrebendea nicht verfehlt wird. Mit Beeht macht das Vorwort auf den philosophirenden Charakter des Joel’schen Denkens aufmerksam, der sich auch in seinen Predigten anspräge. Man muss aber zur Erklärung der hervorragenden Leistungen Joels in dieser Sphäre auch an die Kichtung oder besser an den religiösen Zustand der Zuhörerschaft denken, die er für seine Pestpredigten in der neuen Synagoge in Breslau ins Auge fassen musste. Natürlich erkannte J. die Schwierigkeit seiner Aufgabe mit voller Klarheit und wählte danach den Inhalt seiner Predigten. Es hatte aber auch für ihn einen grossen Beiz, seine eigene durch selbständiges Denken vermittelte und befestigte religiöse Ueberzeugung mit den reichen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auch denen gegenüber geltend zu machen, die in seiner Gemeinde über Alles hinaus zu sein glaubten und sich stolz von dem Glauben ihrer Väter, als oh er einem beschränkten, längst überwundenen Standpunkt allein angeliörte, innerlich abwendeten. Seiner tiefer blickenden Auffassung, seiner geistvollen Darstellung, der Macht seiner Logik vermochten auch die Sprödesten nicht ganz zu widerstehen, und, wo sie nicht zustimmten, mussten sie die Berechtigung eines so sachkundig und glänzend beleuchteten Standpunktes zugeben. Hieraus erklärt sieb auch der unbedingte Kespekt, die ausserordentliche Verehrung und Zuneigung, die Joel auch in den dem Judentlium sonst recht sehr entfremdeten Kreisen seiner Gemeinde gefunden hat. Wir könnten die oben beiläufig angeführten Predigten Joels als Proben seiner gewinnenden und überzeugenden Darstellung, seiner schönen und edlen Sprache, seiner tiefen und zugleich klaren Gedanken dem Leser empfehlen. Doch mit gleichem Bechte liessen sich die anderen als Beispiele derselben Art nennen. Der Leser darf dreist die